Michael Dissmeier: Lieber Herr Otten­samer, Sie sind gerade Artist in Resi­dence in Osaka, davor waren Sie es in Braun­schweig. Resi­denz­künst­ler zu sein, kommt gerade schwer in Mode, oder?

Daniel Ottensamer: Dass bei der Jenaer Phil­har­mo­nie die Mög­lich­keit besteht, als Artist in Resi­dence ein Kon­zert kom­plett selbst zu kura­tie­ren, finde ich schon sehr beson­ders. Ich kann dadurch etwas wirk­lich Per­sön­li­ches ein­brin­gen und lie­fere nicht „nur“ drei, vier berühmte Kla­ri­net­ten­kon­zerte ab. Auch das gemein­sam gespielte Kam­mer­mu­sik-Kon­zert wird die Bezieh­ung zu den Musi­ke­rin­nen und Musi­kern sehr inten­si­vie­ren. Darauf freue ich mich sehr!

Michael Dissmeier: Das Kon­zert­pro­gramm, das Sie gemein­sam mit dem Kom­po­nis­ten, Diri­gen­ten und Cel­lis­ten Ste­phan Koncz prä­sen­tie­ren wer­den, beruht auf einer inten­si­ven Künst­ler­freund­schaft.

Daniel Ottensamer: Wir sind zur glei­chen Zeit in Wien auf­ge­wach­sen, uns ver­bin­det eine unglaub­lich enge musi­ka­li­sche Bezie­hung und natür­lich auch Freund­schaft. Wenn wir zusam­men musi­zie­ren, ent­steht auf der Stelle ein ganz beson­de­rer Spirit im Raum. Ich möchte zu mei­ner Resi­denz nach Jena nicht nur Musi­ka­li­sches mit­brin­gen, son­dern vor allem auch die­ses ein­zig­ar­tige Gefühl. Wir nennen das intern immer den „Sand­kas­ten“. Schon als Kinder saßen wir drin, – nun, als erwach­sene Musi­ker, immer noch. Dort kön­nen wir spie­len, alles aus­pro­bie­ren, und uns freuen, wenn die Bur­gen, die wir uns aus­den­ken, ste­hen­blei­ben. Übri­gens gehört in die­sen Sand­kas­ten unbe­dingt auch der Pianist Chris­toph Trax­ler hinein. Unsere musi­ka­li­schen Zusam­men­künfte zu dritt sind geprägt von einem unge­heu­ren Ver­trauen und einer manch­mal fast uner­klär­li­chen Ener­gie.

Michael Dissmeier: Sie prä­sen­tie­ren an die­sem Abend gleich zwei Kla­ri­net­ten­kon­zerte, die es ohne Sie und Ste­phan Koncz gar nicht geben würde.

Daniel Ottensamer: Ste­phan hat die bei­den Kla­ri­net­ten­so­na­ten von Johan­nes Brahms als Kon­zerte für Kla­ri­nette und Or­ches­ter arran­giert, wir haben sie bereits mit dem DSO Berlin ein­ge­spielt. Diese Spät­werke von Brahms sind von der Struk­tur her im Grunde or­ches­tral. Der Kla­vier­part ist beein­dru­ckend, sehr for­dernd gesetzt. Wir hat­ten immer das Gefühl, dass man die Musik in einem Or­ches­ter­ar­ran­ge­ment noch musi­kan­ti­scher, authen­ti­scher, noch „brahm­si­ger“ zur Gel­tung brin­gen könnte. Das klingt fast anma­ßend, aber wir ver­such­ten immer, einige Tempi vom Cha­rak­ter her noch etwas schnel­ler machen zu wol­len, was jedoch auf­grund der Schwie­rig­keit des Kla­vier­parts ein­fach nicht mög­lich war. Dann hat Ste­phan sich der Mate­rie ange­nom­men. Er schuf aus der Kla­vier­stimme einen Or­ches­ter­part, den Brahms mög­li­cher­weise selbst so gesetzt hätte. Er hat ver­sucht, ganz nah bei Brahms zu blei­ben. Ich finde das Ergeb­nis sehr über­zeu­gend, es sind kleine Brahms-Sin­fo­nien mit obli­ga­ter Kla­ri­net­ten­stimme gewor­den. Dank Ste­phan Koncz gibt es jetzt also zwei Kla­ri­net­ten­kon­zerte von Brahms, und es macht un­glaub­li­chen Spaß, sie zu spie­len!

Step­hans eige­nes Kla­ri­net­ten­kon­zert, das ich per­sön­lich als noch grö­ßere Sen­sa­tion emp­finde, haben wir gerade im Februar mit dem Gewand­haus­or­ches­ter Leip­zig unter Franz Wel­ser-Möst urauf­ge­führt. Es ist ein fan­tas­ti­sches Werk gewor­den. Beim Publi­kum, bei der Kri­tik und auch bei den Musi­ker­kol­le­gen ist es sehr gut ange­kom­men, ich bin mir sicher, dass es sich einen Platz im Reper­toire ero­bern wird. Es ist unge­heuer musi­kan­tisch und ein wirk­li­cher Wurf von Ste­phan!

„Die Möglichkeit, ein Konzert komplett selbst zu kuratieren, finde ich schon sehr besonders.“

DANILE OTTENSAMER
 

Daniel Ottensamer, Foto: Andrej Grilc
Daniel Ottensamer, Foto: Andrej Grilc

Michael Dissmeier: Ist die Kom­po­si­tion denn auch gemein­sam, sand­kas­ten­mä­ßig ent­stan­den?

Daniel Ottensamer: Tat­säch­lich habe ich keine kom­po­si­to­ri­sche Mit­wir­kung geleis­tet, aber ich war natür­lich stän­dig in den Pro­zess invol­viert. Bis heute habe ich lus­ti­ger­weise kei­nen Kla­ri­net­ten­part. Ste­phan hat mir wäh­rend des Schreib­pro­zes­ses immer mal zwei Zei­len geschickt, dann zwei Takte, dann eine halbe Seite, – und ich habe das Stück quasi aus den Schnip­seln die­ser Kom­mu­ni­ka­tion gelernt. Wir hat­ten stän­dig Aus­tausch, ob eine Stelle so spiel­bar sei, ob man mit einem Lauf einen spe­ziel­len Effekt erzie­len könne. Inner­halb die­ses „Noti­zen­wech­sels“ habe ich das Werk gelernt und besitze bis heute keine rich­tige Kla­ri­net­ten­stimme.

Michael Dissmeier: Sie prä­sen­tie­ren die bei­den Kla­ri­net­ten­kon­zerte im Kon­zert­pro­gramm zusam­men mit drei sehr emo­tio­na­len und ein­gängi­gen Wer­ken, die zudem einen star­ken Bezug zu Ungarn haben. Haben Sie denn gar keine Berüh­rungs­ängste zum Popu­lä­ren?

Daniel Ottensamer: Meine Mutter war Unga­rin, Ste­phans Vater Ungar. Die bei­den haben bereits gemein­sam in Wien stu­diert, so lange besteht die Ver­bin­dung zwi­schen unse­ren Fami­lien. Ste­phan war immer fas­zi­niert von der unga­ri­schen Volks­mu­sik, er ist auch ein gro­ßer Bewun­de­rer von Bar­tók, der diese Volks­töne sys­te­ma­tisch erforscht und für die sin­fo­ni­sche Musik nutz­bar gemacht hat. Die Ver­bin­dung zu Brahms, der eine beson­ders große Affi­ni­tät zu unga­ri­scher Volks­mu­sik hatte, erklärt sich von selbst.

Berüh­rung­sängste zum Popu­lä­ren habe ich grund­sätz­lich nicht. Das ist gera­dezu zu einem Motto für unsere Arbeit gewor­den, vor allem mit dem Ensem­ble Phil­har­mo­nix. Es gibt so viel gute Musik, und zwar in allen mög­li­chen Berei­chen. Ich finde es anma­ßend, wenn man die Nase rümpft und eine Grenze zieht zwi­schen E- und U-Musik. Natür­lich bin ich weit davon ent­fernt, ein guter Jazz- oder Klez­mer-Musi­ker zu sein, aber trotz­dem finde ich es unge­mein wich­tig, dass die Zuhörer mein Instru­ment im vollen Umfang seiner Mög­lich­kei­ten ken­nen­ler­nen können. Daher habe ich großen Spaß daran, ver­schie­dene Stile mit­ein­an­der zu ver­bin­den und Aus­flüge in andere Bereiche zu machen.

„Ich habe grundsätzlich keine Berührungsängste zum Populären.“

DANIEL OTTENSAMER
 

Daniel Ottensamer, Foto: Andrej Grilc
Daniel Ottensamer, Foto: Andrej Grilc

Michael Dissmeier: Die Spiel­zeit der Jenaer Phil­har­mo­nie steht unter dem Schwer­punkt „Pla­net Dvo­řák“. Im ers­ten The­men­kon­zert spie­len Sie das Kla­ri­net­ten­kon­zert von Mozart. Worin besteht für Sie die Ver­bin­dung?

Daniel Ottensamer: Die Heimat eines Kom­po­nis­ten scheint in sei­nen Wer­ken immer auf irgend­eine Weise durch. Bei Mozart sind zahl­lose Motive öster­rei­chi­scher Volks­tänze zu hören. Das Rondo, der dritte Satz des Kla­ri­net­ten­kon­zerts, beginnt mit einer Art Gas­sen­hauer, den man vor sich hin pfei­fen kann. Darin besteht mit Sicher­heit eine Ver­bin­dung zwi­schen Dvo­řák und Mozart, dass sie die Musik, die sie auf der Straße oder in Wirts­häu­sern gehört haben, in ihren Wer­ken nut­zen. Viel­leicht ist das nicht immer ein bewuss­ter Pro­zess. Die Kom­po­nis­ten haben die Klänge ihrer Hei­mat ver­in­ner­licht und kön­nen dank ihrer Genia­li­tät die­sen Ges­tus in große sin­fo­ni­sche Werke ver­wan­deln. Das tän­ze­ri­sche Ele­ment haben Mozart und Dvo­řák auf jeden Fall gemein­sam.

Ich finde, dass man sich beim Spiel immer darauf besin­nen sollte, dass man diese Art von volks­tüm­li­chen Phra­sen sehr sim­pel, sehr natür­lich, sehr authen­tisch dar­bie­tet. Schön­heit durch Schlicht­heit, so würde ich das nen­nen.

Michael Dissmeier: Mozart war absolut begeis­tert vom damals noch recht neuen Ins­tru­ment Kla­ri­nette.

Daniel Ottensamer: Dem Kla­ri­net­tis­ten Anton Stad­ler muss man defi­ni­tiv dan­kbar sein. Er war offen­sicht­lich sehr hart­nä­ckig und hat sei­nem guten Freund Mozart immer wie­der gesagt: „Schreib mir das, und schreib mir jenes!“ Die bei­den saßen ja regel­mä­ßig mit­ein­an­der im Wirts­haus und haben gespielt, getrun­ken und es gut gehabt. So sind diese fan­tas­ti­schen Werke Mozarts für Kla­ri­nette ent­stan­den. Genauso ging es Carl Maria von Weber mit Baer­mann und Brahms, der in Mei­nin­gen Mühl­feld ken­nen­lernte.

Michael Dissmeier: Der Mozart schreibt für den Stad­ler, der Brahms für den Mühl­feld, der Koncz für den Otten­sa­mer.

Daniel Ottensamer: Das ist jetzt aber wirk­lich ver­mes­sen. Aber es stimmt schon irgend­wie. Der Koncz hätte kein Kla­ri­net­ten­kon­zert geschrie­ben, wenn er nicht so mit mir ver­ban­delt wäre. Ich habe ihm natür­lich oft gesagt: „Also Ste­phan, wenn Du was schreibst, dann muss es ein Kla­ri­net­ten­kon­zert sein, das weißt du eh ...“ – So ist es dazu gekom­men, die Ini­tia­tive und der erste Impuls kom­men sehr oft vom Ins­tru­men­ta­lis­ten.

Michael Dissmeier: Eine der­art sym­bio­ti­sche Bezie­hung ist in der Musik­welt aber nicht die Regel.

Daniel Ottensamer: Dass ich meinen Beruf aus­ge­rech­net mit mei­nen engs­ten Freun­den aus­üben darf, die ich über­dies auch musi­ka­lisch unfass­bar hoch schätze, das ist ein gro­ßes Geschenk! Bei jedem gemein­sa­men Auf­tritt muss ich mich ein wenig zwi­cken, ob das jetzt wirk­lich wahr ist, dass wir gemein­sam Musik machen und dafür auch noch Geld bekom­men! Um bei unse­rem Bild zu blei­ben: Es ist tat­säch­lich mein Beruf, mit mei­nen Freun­den im Sand­kas­ten zu sit­zen und Musik zu machen.

Das ist schon, wie Sie rich­tig sagen, sel­ten. Aber ich habe früh gemerkt, dass das genau die rich­tige Heran­ge­hens­weise für mich ist. Ich fühle mich so am wohls­ten, ich kann mich am bes­ten ent­fal­ten, es setzt ein rie­si­ges Maß an Krea­ti­vi­tät frei.

Michael Dissmeier: Auch das Kla­ri­net­ten­kon­zert von Aaron Cop­land, das Sie im Januar spie­len wer­den, ist das Auf­trags­werk eines sehr berühm­ten Kla­ri­net­tis­ten: Benny Good­man. Die Kom­bi­na­tion von Jazz, jüdi­schen Melo­die-Ele­men­ten und klas­si­scher Musik ist in die­sem Werk immer von Neuem eine große Über­ra­schung.

Daniel Ottensamer: Die Art, wie die Kla­ri­nette immer schon in der jüdi­schen Volks­mu­sik gespielt wurde, ist vom Klang­li­chen her nicht weit davon ent­fernt, wie sie spä­ter im Jazz ein­ge­setzt wird. Der große Ton­um­fang wird in sei­ner gan­zen Varia­bi­li­tät genutzt, teil­weise „schreie“ ich fast, in den höchs­ten Lagen. Die Kla­ri­nette hat diese Aus­drucks­mög­lich­kei­ten wie kein ande­res Blas­ins­tru­ment und schon gar kein Streich­ins­tru­ment. Die Kla­ri­nette ist über­all ein­setz­bar und kann über­all authen­tisch klin­gen. Das ist für mich die Fas­zi­na­tion mei­nes Ins­tru­men­tes. Und Cop­land schafft die Ver­bin­dung all die­ser Facet­ten wirk­lich auf ein­zig­ar­tige Weise.

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