Die Jenaer Phil­har­mo­nie unter der Lei­tung von Simon Gau­denz lädt beim 8. Don­ners­tags­kon­zert dazu ein, die Wirk­lich­keit für einen Abend aus dem Blick­win­kel der Ro­man­tik zu se­hen – sie zu „ro­man­ti­sie­ren“. Als eine der Ge­burts­stät­ten der Ro­man­tik hat Jena ein ganz be­son­de­res Ver­hält­nis zu die­ser E­po­che, der an die­sem Abend mit ei­nem Drei­klang von Mu­sik, Ly­rik und hin­ter­grün­di­gen In­for­ma­tio­nen nach­ge­spürt wer­den soll. Ou­ver­tü­ren von Ro­bert Schu­mann und Carl Ma­ria von We­ber, Lie­der von Franz Schu­bert so­wie Dich­tun­gen von No­va­lis, Jo­seph von Ei­chen­dorff, Fried­rich Schle­gel und an­de­ren tre­ten in ei­nen le­ben­di­gen Dia­log. Klang und Wort öff­nen ei­nen Raum, in dem Sehn­sucht, Sub­jek­ti­vi­tät und po­e­ti­sche Frei­heit Ge­stalt an­neh­men. Im Zen­trum der zwei­ten Pro­gramm­hälf­te steht Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dys welt­li­che Kan­ta­te „Die ers­te Wal­pur­gis­nacht“ nach Jo­hann Wolf­gang von Goe­thes Bal­la­de – ein macht­vol­les Er­leb­nis zwi­schen My­thos und Mensch­lich­keit. Der Musik­wis­sen­schaft­ler Guido Kra­win­kel sprach mit GMD Simon Gau­denz und Max Pom­mer, Lei­ter des Ro­man­ti­ker­hau­ses Jena, über die Ver­bin­dung von Jenas geis­tes­ge­schicht­li­cher Tra­di­tion mit dem Pro­gramm des Abends.
 

Guido Krawinkel: Was hat Jena mit der Ro­man­tik zu tun? Welche Be­deu­tung hat die Stadt für die Ro­man­tik?

Max Pommer: Jena ist im Grunde die Wiege der Ro­man­tik. Hier ver­sam­meln sich um 1800 jun­ge In­tel­lek­tu­el­le, viele schon mit­ein­ander be­freun­det oder ver­hei­ra­tet. Sie kom­men we­gen der Strahl­kraft der Uni­ver­si­tät in die­se Stadt – und weil hier Grö­ßen wie Goe­the, Schil­ler, Fich­te oder die Hum­boldt-Brü­der prä­sent sind. Wenn sie ir­gend­ei­nen In­tel­lek­tu­el­len um 1800 neh­men, ist die Wahr­schein­lich­keit gar nicht so klein, dass er in Jena stu­di­ert, ge­lehrt oder zu­min­dest eine Zeit­lang hier ge­lebt hat. Die­ses ge­ist­i­ge Kli­ma zieht spä­ter die so­ge­nan­nten Früh­ro­man­ti­ker an – da­mals nen­nen sie sich al­ler­dings noch gar nicht Ro­man­ti­ker. In Jena be­ginnt sich das zu for­mie­ren, was sich im 19.  Jahr­hun­dert zur gro­ßen Ro­man­tik ver­di­chtet. Die ro­man­ti­schen Ide­en stam­men im Kern aus Jena. Die­se Ide­en prä­gen un­ser Le­ben bis heu­te. Ro­man­tik ist eben nicht nur ein Bild von Cas­par Da­vid Frie­drich oder ein schwer les­bar­er Text von Fried­rich Schle­gel, son­dern ein Mo­tor der mo­der­nen Kul­tur­ge­schich­te, der un­ser Le­ben be­rührt – oft oh­ne dass wir es mer­ken.

Jakob Roux (1771-1830): Jena vom Rasenmühlberg aus gesehen (um 1805), Städtische Museen Jena

Sie ha­ben es an­ge­deu­tet: Ir­gend­et­was ist „ro­man­tisch“. Aber was heißt das ge­nau? Wie muss man sich das vor­stel­len, wie dach­ten die Men­schen da­mals?

Max Pommer: Die jun­gen Ro­man­ti­ker sind Kin­der der Auf­klä­rung. Sie wach­sen im 18.  Jahr­hun­dert auf, mit des­sen Bil­dungs­ide­al und mit der Grund­über­zeu­gung, dass die Welt ver­nün­ftig er­klär­bar ist – ge­nau wie wir heu­te. Wenn Sie Bauch­schmer­zen ha­ben, ge­hen Sie ja auch nicht zum Pfar­rer, son­dern zum Arzt, der auf Ba­sis von Fak­ten und Wis­sen­schaft eine Dia­gno­se stellt – das ist Auf­klä­rung. Die Ro­man­ti­ker sa­gen nun: Wenn Auf­klä­rung heißt, dass al­les, was wir ernst neh­men, ver­nün­ftig be­gründ­bar und kau­sal er­klär­bar sein muss, dann ha­ben wir ein Pro­blem. Denn wir neh­men in un­se­rem Le­ben Din­ge wahr, die sich so nicht er­klär­en las­sen – et­wa das, was wir See­le nen­nen. Ge­hen Sie mit der Fra­ge nach Ih­rer See­le zum Neu­ro­lo­gen, wird er Ih­nen et­was über elek­tri­sche Im­pul­se im Ge­hirn er­zäh­len – für Ih­re Fra­ge ist das ei­ne eher un­be­frie­di­gende Ant­wort. Die Ro­man­ti­ker be­hau­p­ten: Es gibt gro­ße Ge­heim­nisse in der Welt, zu de­nen et­wa auch das ge­hört, was die Ro­man­ti­ker das „Un­be­ding­te“ nen­nen – et­was, das kei­nen Be­din­gun­gen un­ter­liegt und nicht in phy­si­ka­li­sche Kau­sal­itäts­ket­ten ein­ge­bun­den ist. Sie se­hen das Di­lem­ma: In ei­ner auf­ge­klär­ten Welt kön­nen wir ei­gent­lich nur mit „Din­gen“ um­ge­hen, al­so mit et­was ‚Be-Ding­tem‘. Wie nä­hern wir uns dann aber die­sem Mys­te­ri­um von See­le, Sinn oder Ge­heim­nis an? Wie ma­chen wir er­fahr­bar, dass da et­was ist, oh­ne es be­wei­sen zu kön­nen? Die Ant­wort der Ro­man­ti­ker lau­tet: zum Bei­spiel durch Kunst. Da­raus ent­steht das bis heu­te ver­trau­te Spre­chen von der Kunst als Spie­gel der See­le. Kunst ist ein Me­di­um, in dem ein Ge­heim­nis ahn­bar wird, oh­ne dass wir es be­wei­sen kön­nen – die­sen Vor­gang nennt man „ro­man­ti­sie­ren“.

»Romantisieren wir die Welt nicht, wird sie kalt und sinnlos.«

MAX POMMER

 

Max Pommer, Foto: JenaKultur, Christoph Worsch
Max Pommer, Foto: JenaKultur, Christoph Worsch

Heute le­ben wir in ei­ner Zeit, in der sich vie­les be­wei­sen lässt, was die Ro­man­ti­ker noch nicht be­wei­sen kon­nten. Vie­les scheint of­fen­sichtlich, man hält ein­fach die Ka­me­ra drauf – und schon ist es „wahr“. Ist die Ro­man­tik da­mit über­flüs­sig ge­wor­den, hat sie uns über­haupt noch et­was zu sa­gen?

Max Pommer: Und wie. Stel­len sie sich vor, sie kom­men nach Hau­se und sa­gen: „Schatz, ich lie­be dich.“ Ih­re Frau kann Ih­nen das glau­ben – mehr aber auch nicht. Es bleibt ei­ne Fra­ge des Glau­bens. Wahr­schein­lich sagt sie: „Sag das nicht nur, zeig es mir – mach den Ab­wasch.“ Sie kön­nen Lie­be nur zei­gen, nicht be­wei­sen. Sie in­si­nie­ren viel­leicht ei­nen ro­man­ti­schen Abend, um et­was sicht­bar zu ma­chen, das sich nicht fest­hal­ten lässt. Ei­ne Ka­me­ra hilft Ih­nen da nicht wei­ter, auch Ih­re See­le lässt sich nicht ab­fil­men. Selbst das Kunst­werk kann die See­le nicht be­wei­sen, nur spür­bar ma­chen. Ge­nau des­halb hat die Ro­man­tik uns heu­te noch viel zu sa­gen: Wir spü­ren in un­se­rem Le­ben et­was Ex­is­ten­zi­el­les, das wir nicht na­tur­wis­sen­schaft­lich be­wei­sen kön­nen, das sich aber un­se­rem Zu­griff ent­zieht und trotz­dem un­ge­heuer wich­tig ist. Die­ses Span­nungs­ver­hält­nis ist ein Grund­di­lem­ma der Mo­der­ne – und die Ro­man­ti­ker sind Zeit­ge­nos­sen die­ser Mo­der­ne. Sie sa­gen: Nur weil ihr Lie­be, See­le oder Sinn nicht be­wei­sen könnt, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Wir spü­ren sie – und das Be­dürf­nis, Lie­be, Emo­ti­o­na­li­tät oder Krea­ti­vi­tät aus­zu­drü­cken, ist all­gegen­wär­tig. Die Ro­man­ti­ker ent­de­cken die­ses Pro­blem und ma­chen es zu ei­ner Ka­te­go­rie der Kunst. Wenn wir heu­te in ei­nem Sin­fo­nie­kon­zert sit­zen und we­nig von Mu­sik­the­o­rie ver­ste­hen, aber sa­gen: „Ich brau­che das, das drückt et­was aus, ich kom­me mit et­was Emo­ti­o­na­lem in Kon­takt“, dann ist die­ses Kunst­ver­ständ­nis in hohem Maß auch ein Erbe der Ro­man­tik.

Vielleicht gibt es da noch ei­ne wei­tere Ge­mein­sam­keit: Wir le­ben in ei­ner Zeit, in der Sub­jek­ti­vi­tät zum Maß­stab ge­wor­den ist. Und die spiel­te ja auch in der Ro­man­tik ei­ne zen­tra­le Rol­le. Kann man das auf die­sen Ne­n­ner brin­gen: Sub­jek­ti­vi­tät?

Max Pommer: Ja, das hängt eng zu­sam­men. Sie er­le­ben Ih­re See­le ja nur als Sub­jekt, Sie kön­nen nicht die See­le ei­nes an­de­ren füh­len. Zu­nächst ein­mal müs­sen Sie sich, im Fahr­was­ser der Auf­klä­rung, über­haupt als Sub­jekt und In­di­vi­du­um be­grei­fen. Da­raus er­ge­ben sich dann Fol­ge­fra­gen: Was heißt es, ein ‚Ich‘ zu sein? Was be­deu­tet es, sub­jek­tiv zu sein? Wel­che Mög­lich­kei­ten ha­ben wir, Sub­jek­ti­vi­tät aus­zu­drü­cken? Klar ist auch: Was Sie füh­len, ist nicht al­le­in ge­mein­gül­tig, es sind Ih­re Ge­füh­le. Und selbst für uns ist es schwer, mit den ei­ge­nen Ge­füh­len klar­zu­kom­men, her­aus­zu­fin­den, was da in uns pas­si­ert und wie wir das aus­drü­cken kön­nen. Vor All­ge­mein­ur­tei­len muss man sich hü­ten. Sub­jek­ti­vi­tät ge­hört also un­be­ding­t dazu: Erst wenn es das In­di­vi­du­um gibt, kann die­ses Sub­jekt fra­gen, was in ihm pul­si­ert, wie es das ar­ti­ku­lie­ren kann – und wie wir uns über Kunst oder Mu­sik, über un­se­re Ge­füh­le aus­tausch­en und sie für­ein­an­der sicht­bar ma­chen.

Die­ser Aus­tausch fin­det im Sin­fo­nie­kon­zert ja ganz prak­tisch statt. Mich wür­de in­ter­es­sie­ren: Wie ist es über­haupt zu die­sem Aus­tausch ge­kom­men? Von wem ging die In­i­tia­ti­ve aus, und wie ha­ben Sie das Pro­gramm ent­wi­ckelt?

Max Pommer: Ich ha­be mir ir­gend­wann ein Herz ge­fasst und Si­mon Gau­denz ge­schrie­ben – nach ei­nem Zö­gern, denn die Je­naer Phil­har­mo­nie hat na­tür­lich ein ganz an­de­res Stan­ding als un­ser klei­nes Ro­man­ti­ker­haus. Ich dach­te mir: Wenn wir schon in der Stadt der Früh­ro­man­tik le­ben, müss­te sich doch et­was zu­sam­men ma­chen las­sen, zumal der Zu­sam­men­hang von Ro­man­tik und Mu­sik auf der Hand liegt. Al­so ha­be ich Si­mon an­ge­schrie­ben und sehr freund­lich und schnell Ant­wort be­kom­men.

»Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.«

NOVALIS

Simon Gaudenz, Foto: JenaKultur, Alexandra Münch
Simon Gaudenz, Foto: JenaKultur, Alexandra Münch

Simon Gaudenz: Bei mir reicht das noch zu­rück zu mei­nen An­fän­gen in Jena. Ich woll­te von Be­ginn an mit an­de­ren In­sti­tu­tio­nen der Stadt ko­ope­rie­ren – nicht nur mit Kul­tur­ein­rich­tun­gen, son­dern et­wa auch mit der Volks­hoch­schu­le, Sport­ver­ei­nen oder Kin­der­zir­kus­pro­jek­ten. Das Ro­man­ti­ker­haus stand von An­fang an auf mei­ner Lis­te, und dann kam Co­ro­na. Umso mehr ha­be ich mich über die An­fra­ge ge­freut. Fest stand da­mals schon Men­del­ssohns „Wal­pur­gis­nacht“, die wir un­be­ding­t auf­füh­ren woll­ten. Mir ging es dar­um, ein ho­mo­ge­nes Pro­gramm zu bau­en, in das man wirk­lich ein­tau­chen kann – nicht im ers­ten Teil Pro­kof­jews „Sym­pho­nie clas­si­que“ und noch ein Kli­avier­kon­zert, son­dern kon­se­quent ei­ne Welt. Heu­te ver­bin­den wir mit Ro­man­tik oft Can­dle­light-Din­ner-Ni­veau, aber sie ist so viel mehr. Ei­ne gu­te Ein­stiegs­li­nie bie­tet der be­rühm­te No­va­lis-Satz: „Wir su­chen über­all das Un­be­ding­te und fin­den im­mer nur Din­ge.“ Mich in­ter­es­siert be­son­ders der Über­gang in die­se Sphä­re des Un­be­ding­ten, des Nicht-Greif­ba­ren. Vie­le Men­schen, ge­ra­de Kin­der – auch mei­ne – kom­men sehr gern ins Kon­zert, weil die Mu­sik zu ih­nen kommt. Für ein Mu­se­um braucht es ei­ne an­dere Art von Ak­ti­vi­tät, da sind die An­for­de­run­gen an ab­strak­tes Den­ken hö­her als im Kon­zert. Hier kann Mu­sik ein wun­der­ba­rer Tür­öff­ner sein: Bei Schu­mann reicht manch­mal ein ein­zi­ger Ak­kord, und man ist in die­ser Welt, wenn man sich nur ein we­nig öff­net. Man spü­rt bei Schu­mann im­mer das Poe­ti­sche, auch weil er li­te­ra­risch sehr ver­si­ert war und nicht „nur“ Mu­sik kon­nte. Ge­nau das in­te­res­siert mich: mit Mu­sik die Tür zum Wort zu öff­nen. Wort und Mu­sik ha­be ich im­mer fas­zi­ni­rend ge­fun­den – das ei­ne er­klärt das an­de­re nicht, aber es regt an, ge­nau­er hin­zu­hö­ren.

Wenn man das Pro­gramm an­schaut, weicht es deut­lich vom üb­li­chen Kon­zert­sche­ma ab. Was ha­ben Sie sich kon­kret bei die­sem Pro­gramm ge­dacht?

Simon Gaudenz: Na­he­lie­gend ist zu­nächst das Lied. Bei ei­nem mu­si­kalisch-li­te­ra­ri­schen Abend ist es das ver­bin­den­de Ele­ment: der ly­ri­sche Text, der ge­sun­gen, ge­spro­chen oder halb­ze­nisch ge­spielt wer­den kann. Ins­ge­samt woll­te ich ei­nen Bo­gen schla­gen. Das, was ich vor­hin das Un­greif­ba­re nann­te, lässt sich gut über das Mo­tiv des Über­sin­ni­schen fas­sen: Im „Erl­könig“ ist je­mand da, der doch nicht da ist; in der „Wal­pur­gis­nacht“ be­ge­gen wir hei­d­ni­sche Bräu­che. Das al­les spielt mit dem Bruch der Kon­ven­ti­on – die „Wal­pur­gis­nacht“ ist ein Stück mit leicht Gru­se­lig­em, das aber nicht im gro­ßen „Hal­le­lu­ja“ en­det. Oder der „Erl­könig“: Das Über­sin­ni­sche wird nicht sim­pel re­li­gi­ös ge­deu­tet nach dem Mo­tto „komm zu uns, dann bist du ge­ret­tet“, son­dern bleibt of­fen. Und ge­nau die­se Of­fen­heit öff­net die Tür, die­se Rei­se wei­ter zu den­ken.

Sie sag­ten, die „Wal­pur­gis­nacht“ war so et­was wie der Kern des Pro­gramms. Wie ha­ben Sie dann die an­de­ren Wer­ke da­rum her­um ge­sucht?

Simon Gaudenz: Das war gar nicht so leicht. Max kann den Kreis der Je­naer Ro­man­ti­ker si­cher gleich noch et­was ge­nau­er um­rei­ßen. Die hat­ten vie­le Ver­bin­dun­gen in al­le Welt, aber der tat­säch­li­che Je­naer Kern­kreis ist über­schau­bar, und die Schnitt­menge mit Mu­sik ist be­gren­zt. Go­ethe ist selbst­ver­ständ­lich al­le­gegen­wär­tig, ge­hört aber nicht di­rekt zu die­sem Kreis. Schu­bert hat zwar et­was mehr als zehn Ge­dich­te von Fried­rich Schle­gel ver­ton­t, aber die sind – mei­ner Mei­nung nach – wei­ter­hin nicht sei­ne stärks­ten Lie­der noch die stärks­ten Tex­te. Au­ßer­dem gibt es kei­ne Or­ches­ter­fas­sun­gen, man müss­te sie ei­gens or­ches­trie­ren. Ich woll­te je­doch Or­ches­trie­run­gen, die in der Mu­sik­ge­schich­te ih­ren Platz ha­ben, et­wa von Re­ger oder Brahms. Wir muss­ten also ent­schei­den, wel­che Tex­te wir neh­men. Am En­de ist die Welt der ge­spro­che­nen Tex­te nä­her an Jena als die der ver­ton­ten. Webers „Frei­schütz“-Ou­ver­tü­re fügt sich the­ma­tisch sehr schön ein. Und mit Schu­manns „Ge­no­ve­va“-Ou­ver­tü­re woll­te ich ei­nen Auf­takt set­zen, der die­ses Ver­bin­den­de in sei­ner Mu­sik be­ton­t – nicht den Stoff der „Ge­no­ve­va“ selbst. Bei Schu­mann ha­be ich das Ge­fühl, dass im­mer mehr da ist als nur Mu­sik; er er­zählt ge­wis­ser­ma­ßen mit Wor­ten, auch wenn kei­ne ge­spro­chen wer­den.

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847): „Die erste Walpurgisnacht“ op. 60, autographe Partitur (1830-1832), Stadtbibliothek Leipzig

Apro­pos „Frei­schütz“: In der Ro­man­tik spielt ja nicht nur Sub­jek­ti­vi­tät, son­dern auch Frei­heit ei­ne gro­ße Rol­le – letzt­lich auch die po­li­ti­sche Frei­heit. Wie kann man das ein­ord­nen?

Max Pommer: Zu­nächst ist das Schön­e an die­sem Pro­gramm, dass so­wohl Si­mon bei der Mu­sik als auch ich bei den Tex­ten re­la­tiv viel Be­we­gungs­frei­heit ha­ben – dank des glück­li­chen Um­stands, dass Jena die Ge­burts­stät­te der Ro­man­tik ist. So kön­nen wir et­wa Ge­dich­te von Jo­seph von Ei­ch­en­dorff ein­be­zie­hen, der nie in Jena war, aber die Ide­en in sich trägt, die hier ih­ren Ur­sprung ha­ben. Für die Mu­sik gilt Ähn­li­ches: Wir kön­nen We­ber spie­len, auch oh­ne „Jena-Be­zug“ im en­ge­ren Sinn, weil die Grund­ide­en pas­sen. Un­se­re Ep­o­che, die eu­ro­päi­sche Mo­der­ne, be­ginnt um 1800 mit Auf­klä­rung und Ro­man­tik. Die­se bei­den Strö­mun­gen brin­gen die Mo­der­ne her­vor. Da­zu ge­hört ne­ben ei­nem neu­en Ver­ständ­nis von Sub­jek­ti­vi­tät auch ein neu­es Ver­ständ­nis von Frei­heit. Da­mit mei­ne ich nicht nur die po­li­ti­sche Frei­heit der Pauls­kir­che, der na­po­leo­ni­schen Krie­ge und der spä­te­ren Na­ti­o­nal­be­we­gun­gen, son­dern auch ein phi­lo­so­phi­sches Nach­den­ken über Frei­heit. Ich sitze hier in mei­nem Bü­ro im ehe­ma­li­gen Wohn­haus Jo­hann Gott­lieb Fich­tes, der mit den Ro­man­ti­kern be­freun­det war und über Frei­heit ganz neu nach­ge­dacht hat. Die Früh­ro­man­tik in Jena ist vor al­lem mit phi­lo­so­phi­scher, in­di­vi­du­el­ler Frei­heit be­fasst. Die po­li­ti­sche Di­men­si­on, auf die sie an­spie­len, ent­fal­tet sich vor al­lem spä­ter, auch im Zu­sam­men­hang mit der na­po­leo­ni­schen Be­set­zung und den Be­frei­ungs­krie­gen. Da wird dann in vie­len Strö­mun­gen auch das Na­ti­o­nal­be­wusst­sein ge­stärkt – da­zu braucht es nicht un­be­ding­t die Ro­man­tik. Für un­ser Pro­gramm und die Je­naer Ro­man­tik spielt po­li­ti­sche Frei­heit zwar ei­ne ge­wis­se Rol­le, aber nicht die al­ler­größ­te.

Simon Gaudenz: Ein As­pekt ist für mich auch das Selbst­be­wusst­sein. Ei­ner­seits gibt es die­ses Sich-Zu­rück­zie­hen in die ei­ge­ne Welt – das Abend­rot, das Al­lein­sein. An­de­rer­seits aber Frei­heit im Sin­ne von Selbst­be­wusst­sein: sich sei­nes Füh­lens be­wusst zu wer­den und da­zu zu ste­hen. Schön fin­de ich in un­ser­em Pro­gramm auch, dass al­le Kom­po­nis­ten sehr pro­mi­nent sind, wir aber – mit Aus­nah­me des „Frei­schütz“ – Stücke wäh­len, die nicht stän­dig im Vor­der­grund ste­hen: we­der den „Sommer­nachts­traum“ noch Schu­manns Kla­vier­kon­zert, we­der Schu­berts „Gro­ße C-Dur“ noch die „Un­voll­end­ete“.
 

Moritz von Schwind (1804-1871): „Der Erlkönig“ (um 1860), Sammlung Schack – Bayerische Staatsgemäldesammlungen München

 
Ei­ne Fra­ge noch zum „Erl­könig“, der ja auch ei­nen Je­na-Be­zug ha­ben soll, wie ich ge­le­sen ha­be – wenn auch nur als A­ne­k­do­te.

Max Pommer: Ge­nau, als A­ne­k­do­te – his­to­risch ist das kaum be­leg­bar, eher un­wahr­schein­lich. Es gibt bei Jena das Dorf Ku­nitz, et­wa vier Ki­lo­me­ter ent­fer­nt, an der Sa­a­le ent­lang, mit Wie­sen und vie­len Wei­den. Dort hält sich hart­nä­ckig das Ge­rücht – und wird na­tür­lich ge­pflegt –, Go­ethe ha­be in Jena die Ge­schich­te ei­nes Bau­ern ge­hört, der nachts mit sei­nem kran­ken Sohn von Ku­nitz nach Jena ritt, um ei­nen Arzt auf­zu­su­chen. Der Arzt ha­be aber nicht hel­fen kön­nen und das Kind sei noch auf dem Rück­weg ver­stor­ben. Der Va­ter und das ster­ben­de Kind, Ne­bel über der Sa­a­le, der Ritt durch die Nacht – da­raus sei Go­ethe auf den „Erl­könig“ ge­kom­men. Ei­ne schö­ne A­ne­k­do­te mit hü­b­schem Lo­kal­be­zug. Aber dass sie his­to­risch stimmt, glau­be ich nicht.

Wenn man über Be­grif­fe wie „Un-Be-Ding­tes“ und „Selbst-Be­wusst­sein“ nach­zu­den­ken be­gin­nt – al­so nicht Selbst­be­wusst­sein im Sin­ne von Selbst­si­cher­heit, son­dern im Sin­ne von Be­wusst­sein, das sich nicht in Din­ge auf­lö­sen lässt, wird es span­nend. In­wie­fern spielt die Spra­che ei­ne Rol­le?

Max Pommer: Die Spra­che spielt da ei­ne gro­ße Rol­le. Aus die­sem Nach­den­ken kommt das gro­ße Mo­tiv der Seh­nsucht. Wenn Sie ah­nen, dass es das Un­be­ding­te gibt, aber zu­gleich mer­ken, dass Sie im­mer an den Din­gen hän­gen und da nie ganz hin­kom­men, bleibt nur Seh­nsucht: da­nach, ih­rer Lie­be hab­haft zu wer­den, am „Ni­rwa­na“ teil­zu­ha­ben, oh­ne es zu er­rei­chen. Der Ro­man­ti­ker weiß, dass er das Un­be­ding­te nicht er­rei­chen kann. Aber man kann es er­ah­nen, et­wa in der Be­ge­gnung mit ei­nem Kunst­werk. Das ist die­ser Zau­ber des Kon­zert­be­suchs – E. T. A. Hoff­mann spricht bei Beet­hoven vom „Geis­ter­reich der Töne“. Wir über­schrei­ten da­bei aber kei­ne me­ta­phy­si­sche Gren­ze, wir blei­ben beim Kunst­ge­nuss. Das ist frei­lich et­was an­de­res, als ei­ne heil­sge­schicht­li­che Of­fen­ba­rung oder Er­lö­sung und auch aus dem Kon­zert wer­den die Le­ute nicht „er­löst“ hin­aus­ge­hen, aber viel­leicht mit dem Ge­fühl, et­was Emo­ti­o­na­les er­lebt zu ha­ben. Und das gibt un­se­rem Le­ben Wert.

Simon Gaudenz: Und die­ses Be­wusst­ma­chen lässt sich durch die Ver­bin­dung von Wort und Mu­sik stark un­ter­stüt­zen. Ich bin si­cher, es gibt Mu­sik, die es ei­nem schwer­er macht, in ei­ne an­de­re Welt ein­zu­tre­ten – und an­de­re, bei der man so­fort drin ist. Schu­bert ist für mich so ein Fall. Schu­mann hat sei­ne „Gro­ße C-Dur“-Sin­fo­nie die „mit den himm­li­schen Län­gen“ ge­nan­nt – sie ist län­ger als Beet­hovens Neunte und ar­bei­tet viel mit Wie­de­r­ho­lung. Wenn ei­ne Auf­füh­rung ge­lingt, drif­tet man rich­tig weg, ge­rät in ei­ne Art Tran­ce. Über die­se Re­pe­ti­tion, die­ses Hin­ein­ge­so­gen­wer­den, lan­det man in ei­ner an­de­ren Welt. In ge­wis­ser Wei­se ist das ei­ne ro­man­ti­sche Vor­form von „Mi­ni­mal Mu­sic“. Und das Re­pe­ti­ti­ve ken­nen wir auch im „Erl­könig“ – dort als Ge­trap­pel und Ge­trie­ben­sein.

Caspar David Friedrich (1774-1840): „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ (1819/1820), Galerie Neue Meister – Staatliche Kunstsammlungen Dresden

»Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.«

NOVALIS

Über dem Kon­zert steht das Mot­to „Die Welt muss ro­man­ti­si­ert wer­den“. War­um?

Simon Gau­denz: Ich sehe das, viel­leicht et­was schlicht for­mu­li­ert, als Er­mu­ti­gung, Ge­füh­le wie­der zu­zu­las­sen. Ver­letz­lich sein zu dür­fen, oh­ne al­les so­fort iro­nisch zu bre­chen. Man darf sich mit sei­nen Ge­füh­len öff­nen – im Wis­sen, dass man sich da­mit an­greif­bar macht –, und es trotz­dem mit Selbst­be­wusst­sein tun. Die­se Mu­sik und die­se Tex­te kön­nen – rich­tig ver­stan­den – da­zu er­mu­ti­gen.

Max Pommer: Ich wür­de mit der Fort­set­zung des No­va­lis-Zi­tats ant­wor­ten: „Die Welt muss ro­man­ti­si­ert wer­den. So fin­det man den ur­sprüng­li­chen Sinn wie­der.“ Wenn wir die Welt nicht ro­man­ti­si­eren, fällt sie in ei­nen bloß ra­tio­na­lis­ti­schen Zu­stand zu­rück. Dann wä­ren wir letzt­lich zu­fäl­lig ent­stan­dene Ei­weiß­hau­fen, un­ser Füh­len und Den­ken nur elek­tri­sche Si­gna­le. Wenn wir die na­tur­wis­sen­schaft­li­che Un­durch­füh­rbar­keit ei­nes See­len­be­wei­ses so deu­ten, dass es die See­le gar nicht gibt, wird die Welt kalt. Wol­len wir das nicht ak­zep­tie­ren, müs­sen wir ro­man­ti­si­eren: Wir spü­ren un­se­re See­le, wir drü­cken sie aus, er­le­ben sie in der Kunst – und das ist für uns ein Hin­weis da­auf, dass es sie gibt. Ro­man­ti­si­e­ren wir die Welt nicht, wird sie kalt und sinn­los – dann kön­n­ten wir uns, über­spitzt ge­sagt, gleich in die Saa­le stür­zen. Aber wir ent­schei­den uns für die Ro­man­tik und da­mit für Sinn­stif­tung in ei­ner ra­tio­na­len Mo­der­ne.

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