Ein Interview mit Simon Gaudenz

»Ich will ein Teil von Jena sein!«

Herr Gaudenz, Sie sind ab der Spielzeit 2018.2019 neuer Generalmusikdirektor der Jenaer Philharmonie. Jena ist Ihnen nicht unbekannt, nachdem Sie in der vergangenen Saison bereits sechs Konzerte hier dirigiert haben. Wie gefällt es Ihnen in Jena?

Mit welcher Wärme und Herzlichkeit ich hier empfangen wurde, berührt mich sehr. Zunächst ist natürlich das Orchester zu nennen, das ich schon in überragenden Konzerten erleben durfte. Die Offenheit und Begeisterungsfähigkeit unserer Musikerinnen und Musiker macht Lust und Mut. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, willkommen zu sein. Nur ein Detail, aber psychologisch nicht unwichtig: Während der ersten vier, fünf Monaten schien bei jedem meiner Besuche in Jena die Sonne. Die Regentage habe ich nun auch kennengelernt, das Gefühl von Wärme und Licht wird aber immer überwiegen. Neben der Natur, die sich um Jena grün und weitläufig erstreckt, hat es mir die kleine, aber feine Altstadt besonders angetan. Auf der Suche nach Restaurants konnte ich mich auf manch gute Empfehlung verlassen, und sobald ich ein Quartier gefunden habe, werde ich auch die Märkte und Feste entdecken. Besonders freut mich, dass sich auch meine Familie bei ihrem ersten Besuch hier – obwohl in einer grauen Januarwoche – auf Anhieb wohl gefühlt hat. Und, als Fußballfan kann ich natürlich den FC Carl Zeiss Jena nicht verschweigen. Ich möchte die Menschen, ihre Ansichten und Wünsche, die Kultur, die Geschichte entdecken und kennenlernen, kurzum: Ich will ein Teil von Jena sein!

»Die Jenaer Philharmonie ist in der glücklichen Lage, in einem wunderbaren Saal spielen zu dürfen. Neben dem Volkshaus, der Heimstätte des Orchesters, möchten wir aber zunehmend mehr ›in die Stadt‹ hineingehen ...«

Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker
Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker

Für Sie und Frau Dr. Juliane Wandel, die seit 2017.2018 Intendantin in Jena ist, ist es Ihre erste gemeinsame Spielzeit. Was steht diese Saison auf dem Programm?

Wir spürten gleich zu Beginn, dass ein Wunsch nach Veränderung, nach frischem Wind in der Luft liegt. Die Jenaer Philharmonie ist in der glücklichen Lage, in einem wunderbaren Saal spielen zu dürfen. Neben dem Volkshaus, der Heimstätte des Orchesters, möchten wir aber zunehmend mehr „in die Stadt“ hineingehen. Die Trafostation, in der wir mit der Jazzmeile Thüringen zusammenarbeiten werden, ist ein gutes Beispiel für eine Location, die nicht in erster Linie mit Orchestermusik in Verbindung gebracht wird. Auch in der Universität werden wir in Erscheinung treten, den Austausch mit der Wissenschaft, den Lehrenden und Studenten möchten wir intensivieren, ein im wahrsten Sinne des Wortes inspirierendes Spannungsfeld schaffen. Mit liebgewonnenen Traditionen werden wir keinesfalls brechen, wir suchen die Innovation vielmehr in den Interpretationen als im Repertoire. Stolz sind wir, einige renommierte Persönlichkeiten des internationalen Musiklebens für Jena gewonnen zu haben: Stellvertretend seien der Pianist und Dirigent Christian Zacharias, die Geigerin Isabelle van Keulen und die Pianistin Lilya Zilberstein genannt, allesamt Ausnahmekünstler auf ihrem Gebiet. Mit besonderer Freude erfüllt mich außerdem, dass unser Ehrendirigent Andrey Boreyko nach langer Zeit wieder nach Jena kommt.

Sie haben sich als Interpret des klassischen Repertoires einen Namen gemacht. Auf welche Konzerte freuen Sie sich besonders und warum?

Ich freue mich sehr auf die Begegnung mit Schostakowitschs letzter Sinfonie, das packende Programm rund um Honeggers „Totentanz“ und einige Stücke in außergewöhnlichen Besetzungen wie Tomasis „Fanfares liturgiques“ oder Mozarts „Gran Partita“. Ganz generell muss sich ein modernes Orchester der Herausforderung stellen, für jede musikalische Epoche einen eigenen Klang, eine charakteristische stilistische Sprache zu finden. Die Wiener Klassik und ihre Nachfahren bilden dafür die natürliche Grundlage, weshalb die Auseinandersetzung mit Haydn, Mozart, Schumann bis hin zu Bruckner einen wichtigen Platz einnimmt. Zudem werden wir ein herausragendes und spannendes Projekt gleich zur Saisoneröffnungin Angriff nehmen, das auch international in jeder Hinsicht Spuren hinterlassen wird: Wir verbinden brandneue Werke unseres Composer in Residence – des Schweizer Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini – mit Sinfonien von Gustav Mahler. Das wird ein außergewöhnliches Ereignis!

Wie haben Sie Andrea Lorenzo Scartazzini kennengelernt und was verbindet Sie mit ihm?

Ich verfolge Scartazzinis Weg seit Langem, er ist vor allem im Bereich der Oper sehr erfolgreich und seine ausdrucksstarke Musik scheint mir ideal für eine Auseinandersetzung mit Mahler. So schätze ich mich glücklich, hier in Jena die Chance zu erhalten, endlich mit ihm zusammenzuarbeiten und dieses einzigartige Projekt zu verwirklichen. Es ist langfristig angelegt und entsprechend auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.

Scartazzini soll ein Komponist zum Anfassen werden, einer, der sich mit Jena identifizieren kann und den wiederum die Jenaer und Jenenser in ihr Herz schließen.

Sie haben Veronika Eberle als Artist in Residence für diese Saison gewählt? Warum gerade sie?

Nachdem ich vielen Menschen hier in Jena zugehört und versucht habe, ihre musikalischen Wünsche und Sehnsüchte zu erahnen, musste ich nicht lange überlegen und rief direkt Veronika Eberle an. In ihrem Spiel vereinen sich eine außergewöhnliche Reife, Intelligenz, Souveränität und mitreißende Energie. Sie zählt zu den leuchtendsten Sternen am internationalen Geigenhimmel, und ich bin sehr glücklich, dass wir sie für Jena gewinnen konnten. Veronika wird an fünf Abenden in allen möglichen Konstellationen zu hören sein: als Solistin mit Orchester, als Kammermusikerin, als Interpretin einer Solosonate von Bach sowie als Leiterin des Kammerorchesters. Mit der neugeschaffenen Position eines Artist in Residence möchte ich unseren Zuhörern die Möglichkeit geben, zu einer Künstlerin von Weltklasse eine Beziehung aufzubauen und alle Facetten ihres Spiels kennenzulernen.

Simon Gaudenz, Foto: Christoph Worsch
Simon Gaudenz, Foto: Christoph Worsch

»Die größten Geschenke für mich sind stets die Präsenz der Musiker, die spürbare Spielfreude und die Liebe zur Musik. Und die überträgt sich auf unsere Zuhörerinnen und Zuhörer!«

Was schätzen Sie an der Jenaer Philharmonie?

Die Musikerinnen und Musiker dieses Orchesters zeichnet ein Arbeitsethos aus, das seinesgleichen sucht. Im Zentrum steht immer das klare Ziel, ein Konzert auf höchstem Niveau zu spielen und unser Publikum zu begeistern. Natürlich geben mir das ausgezeichnete Zusammenspiel und die hohe individuelle Qualität die Möglichkeit, entsprechend anspruchsvolle Anforderungen zu stellen. Im besten Falle setzt sich so eine Aufwärtsspirale in Gang, denn auch an mich sind die Erwartungen groß, und ich versuche stets aufs Neue, ihnen gerecht zu werden. Doch die größten Geschenke für mich sind stets die Präsenz der Musiker, die spürbare Spielfreude und die Liebe zur Musik. Und die überträgt sich auf unsere Zuhörerinnen und Zuhörer!

Welche Aufführungsformen und welche innovativen Interpretationsansätze halten Sie für geeignet, um neues, junges Publikum für die klassische Musik zu begeistern?

Mein Ziel auf der Bühne ist immer, Nähe herzustellen, zu verbinden. Ich möchte die Menschen intensiv teilhaben lassen. Zuweilen ist da das Wort hilfreich: kurze, lockere Moderationen, auch mal auf eine Frage eingehen zu können, eine andere Farbe ins Spiel zu bringen, finde ich faszinierend. Mit ungewöhnlichen Aufstellungen im Konzertsaal werden wir ebenfalls für Überraschung sorgen und auch kürzere Konzertformate, ohne Pause und ohne Etikette, werden mehr und mehr ins Programm einfließen. Zudem erfüllt die Jenaer Philharmonie einen umfassenden pädagogischen Auftrag und erreicht in Jena jährlich hunderte Kinder. Hinzu kommen die beliebten Familienkonzerte und sogar Babykonzerte gibt es zu erleben.

Was wollen Sie verändern? Wohin wollen Sie die Jenaer Philharmonie in Zukunft führen?

Ein Orchester von der Qualität der Jenaer Philharmonie trägt den Namen ihrer Stadt als Botschafter in die Welt hinaus, sei es auf Gastspielen, Tourneen und nicht zuletzt durch CD-Produktionen. Uns international stärker zu positionieren, ist klares Ziel, ein erster Schritt ist die kommende China-Tournee im Januar 2019. Eine bedeutendere Rolle soll auch den Chören zukommen, die ich näher an die Philharmonie bringen und stärker in unsere Programme einbinden möchte. Ein Orchester mit drei eigenen Chören, was für eine schöne Situation, wo gibt es denn so was! Ich möchte den Jenaern zurufen: Lassen Sie sich überraschen. Oder noch besser: Singen Sie gleich mit!

Und zum Ende noch einige persönliche Fragen: Wer ist Ihr Lieblingskomponist?

Meist derjenige, der gerade auf meinem Programm steht.

Verwenden Sie „Jenaer Glas“ in Ihrem Haushalt?

Möglicherweise, aber bis jetzt unbewusst. Das wird sich selbstverständlich ändern …

Was ist Ihr Lieblingsessen?

Der wichtigste Gang bei jedem Essen: das Dessert!

Fahren Sie im Urlaub lieber an den Strand oder in die Berge?

Ohne Patriotismus versprühen zu wollen: Die Schweizer Alpen sind mein Sehnsuchtsort.

In welchem Konzert, das Sie nicht selbst dirigiert haben, waren Sie zuletzt?

John Eliot Gardiner und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielten ein reines Schumann-Programm. Tief ergreifend.

Wann waren Sie das letzte Mal im Kino und in welchem Film?

Vor Kurzem in „La ch’tite famille“. Ziemlich klamaukig, aber unterhaltsam.

Mit welchem lebenden oder bereits verstorbenen Komponisten wurden Sie sich gerne einmal unterhalten? Und warum?

Mit Joseph Haydn. Ich wüsste zu gerne, ob er meine Improvisationslust in seinen Sinfonien goutieren würde.

Mit welcher berühmten Persönlichkeit der Stadt Jena wurden Sie gerne einmal auf den Jenzig steigen?

Ohne jede politische Festlegung mit Sahra Wagenknecht, die bestimmt auch gut zu Fuß ist. Und mit Ernst Abbe, der mich wahrscheinlich am besten in die Geheimnisse Jenas einweihen könnte.

Machen Sie Sport oder kommt Ihre durchtrainierte Figur allein vom Dirigieren?

Durchtrainiert! Schöne Wortwahl, wenn auch nicht ganz zutreffend ... Aber: Wann immer ich Zeit finde, spiele ich Fußball. Herrlich!

Haben Sie noch etwas, das Sie den Jenaer Bürgern gerne sagen möchten?

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre – wir haben das neue Saisonbuch so gestaltet, dass es sich lohnt, das ganze Jahr immer mal wieder hineinzuschauen und zu schmökern. Entdecken Sie die Jenaer Philharmonie neu. Wagen Sie es, nur Mut, es wird sich lohnen!

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