Maximilian Hornung, Foto: Marco Borggreve
Maximilian Hornung, Foto: Marco Borggreve

Wir Musikfreunde mussten in den letzten beiden Monaten, vor allem aber in der Weihnachtszeit auf Live-Konzerte verzichten. Umso schöner war es, dass MDR Kultur am 11. Dezember ein Konzert der Jenaer Philharmonie, das ohne Publikum stattfinden musste, mitgeschnitten und am 29. Dezember ausgestrahlt hat.

Chefdirigent Simon Gaudenz hat vor einigen Jahren den Satz gesagt: Es müsse gelingen, dass das Jenaer Philharmonische Orchester in einem Konzert so klinge, als ob drei verschiedene Orchester zu hören seien. In der Tat klang es bei Jean-Féry Rebels „Les Élémens“ wie ein Barockorchester; bei Florent Schmitts Quartett für 3 Posaunen und Tuba stellten die Blechbläser ihr immenses Können unter Beweis, und im Cellokonzert von Guillaume Connesson klang es wie ein modernes Sinfonieorchester mit Jazzerfahrung.

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Jenaer Philharmonische Orchester hat in den Zeiten der Pandemie und des Lockdowns nichts von seiner musikalischen Qualität verloren. Im Gegenteil. Die durch strenge Hygiene-Auflagen festgelegten größeren Abstände zwischen den Musiker*innen scheinen zu bewirken, dass alle noch genauer aufeinander hören und sensibler reagieren. So war bei diesem „Radiokonzert“ ein Orchesterklang zu hören, wie wir Konzertbesucher der Jenaer Philharmonie ihn uns nicht besser wünschen können: klar, transparent und sehr farbenreich.

Chefdirigent Simon Gaudenz hatte für das Dezemberkonzert französische Musik vom Barock bis in die Gegenwart ausgewählt. Es begann mit Jean-Féry Rebels Tanzsuite „Les Élémens“ aus dem Jahr 1737. Im „Chaos“ betitelten Prolog werden Töne, die eigentlich nach einander erklingen müssten, zu einem Cluster, einer Art dissonanter Klangtraube, geballt. Ganz langsam löst sich das Chaos auf, aus der formlosen Masse werden geformte Klänge in ein musikalisches Ordnungssystem gebracht. Das Jenaer Orchester ließ das dissonante Chaos ebenso hörbar werden wie dessen Auflösung in den folgenden neun Tanzsätzen. Simon Gaudenz und das Jenaer Orchester fanden zu einem klaren, leichten, stark von den Flöten dominierten Klang, der Rebels „Sinfonie nouvelle“ zum musikalischen Erlebnis werden ließ. Es gelang ihnen Barockmusik auf modernen Instrumenten zu spielen und doch genau deren Charakter als höfische Musik zu treffen.

Im folgenden Quartett für 3 Posaunen und Tuba, op. 109, das Florent Schmitt 1946 komponiert hatte, zogen Martin Zuckschwerdt, Carl-Philipp Kaptain, Douglas Murdoch und Bruno Osinski alle Register ihres Könnens. Durch ein hohes Maß an Präzision, fein abgestimmtes Zusammenspiel und große Spielfreude haben die vier Blechbläser ein nahezu vergessenes Werk des hierzulande kaum bekannten Komponisten wieder entdeckt. Florent Schmitt hat sich wenig um musikalische Moden gekümmert. Sein Bläserquartett op. 109 ist ungewöhnlich besetzt, stellt den Posaunisten hohe Anforderungen und weist auch dem Tubisten solistische Aufgaben zu. Im scheinbar mühelosen Zusammenspiel der vier Blechbläser entstand ein schlanker, warm timbrierter Gesamtklang, der vom hohen musikalischen Niveau der Blechbläser zeugt.

Zum Höhe- und Glanzpunkt des Abends geriet die Aufführung des 2008 komponierten Cellokonzerts von Guillaume Connesson mit Maximilian Hornung als Solisten. Bereits in seinem Play & Conduct-Konzert mit dem 1. Cellokonzert von Joseph Haydn und dem Cellokonzert von Vaja Azarashvili hatte der ARTIST IN RESIDENCE die Herzen der Zuhörer*innen erobert. Was er nun im Cellokonzert von Guillaume Connesson leistete, das war atemberaubend.

Wie er alle technischen Schwierigkeiten des Konzerts meisterte, wie gefühlsstark er die Klage zwischen „Granitique“ und „Vif“ spielte und mit welcher Ausdruckstiefe er vor allem das „naturmagische“ Solo im „Paradisiaque“ als „großen Gesang“ gestaltete, das war meisterhaft. Großartig gelang das Zusammenspiel, das „Konzertieren“ zwischen dem Solisten und dem von Simon Gaudenz präzis und sehr dynamisch geleiteten Orchester. Es war ein gegenseitiges Vorwärtstreiben und Innehalten, in dem Maximilian Hornung und das Jenaer Orchester zu einem starken gemeinsamen Ausdruck fanden: zu einer gemeinsamen Musiksprache, in der das Elementare, Naturbezogene, das in Connessons Cellokonzert eingeschrieben ist ebenso seinen Ausdruck fand, wie das Nachdenkliche und Melancholische, die Ruhe ebenso wie der tänzerische Wirbel. Im vorletzten Satz „Cadence“ stellte Maximilian Hornung noch einmal seine ganze Virtuosität in den Dienst des Werkes, ehe er und das Orchester unter Simon Gaudenz es im letzten Satz fröhlich-bacchantisch und mit Anklängen an Jazz und Dixieland zum rasanten Finale führten.

Es bleibt zu wünschen, dass das Jenaer Publikum diese großartige Interpretation im neuen Jahr auch einmal live erleben kann. Zunächst jedoch ein herzliches Dankeschön an Maximilian Hornung, Simon Gaudenz und das Jenaer Orchester für ein so hervorragend gelungenes Radiokonzert zwischen Weihnachten und Neujahr!

Dr. Dietmar Ebert

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