Rhythm is it

Atem und Herzschlag – Der 3. Thementag der Jenaer Philharmonie

Alexej Gerassimez, Foto: Uta Trillhose

Der 3. Thementag ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jenaer Philharmonie besonders gut gelungen. Ein ganzer Tag war dem Schlagzeug, dem bekanntesten aller Rhythmus-Instrumente, gewidmet. Rhythmus – damit sind wir aufgewachsen, und für Kinder in jedem Alter gehört er ganz selbstverständlich zum Alltag. Was wären wir alle, Eltern, Kinder, Großeltern ohne Herzschlag und Atem. Es ist gut, sich das immer wieder einmal bewusst zu machen. Genau deshalb wiesen Sebastian Gühne und Philipp Schäffler in ihrer Begrüßung auf die Grundrhythmen unseres Lebens hin: Atem und Puls.

Jugendkonzert tutti pro

Aller zwei Jahre findet ein Gemeinschaftskonzert zwischen dem Jugendorchester der Musik-und Kunstschule Jena und der Jenaer Philharmonie statt. Florine Schack und Lovis Kriese erzählten, es sei gar nicht so sehr um die Einstudierung der Stücke gegangen, sondern um das Feilen an Details. Die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten der Philharmonie erwiesen sich als aufmerksame und gute Berater.

Wie sie und die jungen Leute des Musikschulorchesters eindrucksvoll Jean Sibelius‘ „Finlandia“ und Edvard Griegs zweite „Peer-Gynt-Suite“ spielten, das verdient Achtung und Respekt. Mehr noch: Es war eine Freude zu hören, wie frisch beide Stücke musiziert wurden. Daran hatte natürlich der junge Dirigent Eduardo Strausser einen großen Anteil. Er wurde 1985 in Sao Paulo geboren und hat in Zürich studiert. Er arbeitete in der Schweiz und in Süddeutschland, ist mittlerweile weltweit unterwegs und hat sich bereits ein ansehnliches Repertoire im Opern- und Konzertbereich erarbeitet. Im Jugendkonzert tutti pro war sein Credo spürbar: Musizieren soll Freude und Spaß bereiten. Special Guest in diesem Konzert war Alexej Gerassimez. Er spielte auf dem Marimbaphon Kurt Engels Ohrwurm „Look out little Ruth“. Das Orchester unter Eduardo Strausser begleitete ihn souverän, und sofort war klar: Hier spielt einer der weltbesten Perkussionisten. Das Orchester verabschiedete sich mit Edward Elgars „Pomp and Circumstance Marsch“ Nr. 1, der so recht als Auftakt für den Thementag passte.

Ménage à trois – Tuba und Schlagwerk

Ein Kammerkonzert der ganz besonderen Art fand anschließend im Schaeffersaal statt. Wann hört man schon einmal zwei Tuben und Schlagwerk? Bruno Osinski und Vincent Morinière (Tuba) und René Münch und Alejandro Cello Calvo (Schlagwerk) begeisterten das Publikum im überfüllten Schaeffersaal mit einer Reihe unbekannter, hochinteressanter Stücke aus Südafrika, Großbritannien und Portugal.

Es war ein musikalisches Ereignis, die zwei befreundeten Tubisten Bruno Osinski und Vincent Morinière im Zusammenspiel mit René Münch zu erleben. Großen Eindruck hinterließen das Stück für eine Tuba und Thai-Gongs, die Komposition für Vibraphon und Marimba von Anders Koppel und das eigens für dieses Konzert komponierte Stück „Ménage à trois“ von Alex Tatnell. Es ist ganz erstaunlich, welche Klangwirkungen im Zusammenspiel von Tuba und Schlagwerk entstehen können - eine ganz spezielle Kombination von Atem und Rhythmus.

Percussion-Klänge aus aller Welt, Workshops und Rhythmus-Lawine

Am Nachmittag traten verschiedene Jenaer Percussion-Ensembles und die Jenaer Bewegungsküche auf. Rhythm was it!
In fünf Workshops hatten Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, sich und ihr Rhythmus-Gefühl auszuprobieren.

Mit 17 Kindern hatte Meike Schmitz kleine „Shaker“ gebaut und das Lied einstudiert „Wo ist denn nur mein Schlagzeug?“. Ein Lied vom Suchen und Finden des großen Schlagzeugs. Albrecht Lätsch hatte mit den Teilnehmern seines Workshops „Cajons“ (Rhythmus-Kisten) gebaut, und Kay Kalytta hatte eine Exkursion in die Welt des Rhythmus und des Sound angeboten. Die Teilnehmer des Workshops „Beatboxing“ hatten unter Anleitung von Andreas Kuch probiert und trainiert, wie man allein mit dem Mund Geräusche formen kann. Und da geht weit mehr als nur das traditionelle Pfeifen. Die Beatboxing-Spezialisten und die Cajon-Bauer zeigten gemeinsam, was sie gelernt hatten. Das war witzig und klang gut. Schließlich führten die jungen Leute vor, was sie im Workshop von Juliane Steenbeck gelernt hatten. Sie hatten ihr Rhythmusgefühl in tänzerisch-akrobatische Improvisationen umgesetzt. Spaß und Freude hat es allen gemacht. Das ist die Hauptsache!

Viele waren gekommen, um Jenas größte Rhythmus-Lawine ins Rollen zu bringen. Die Rhythmus-Coaches und viele der Kinder zeigten ihren Eltern und Freunden wie „clapit“ funktioniert. Sie waren klar im Vorteil, doch am Ende kam die Rhythmus-Lawine ins Rollen. Das zu erleben, war ein „Muss“ an diesem Thementag.

Triumph des Rhythmus‘

Wer es am Vormittag im Konzert „tutti pro“ nicht gehört hatte und wer es vorher noch nicht gewusst hatte, dem wurde es beim Konzert um 17 Uhr im Großen Saal des Jenaer Volkshauses vollends bewusst. Alexej Gerassimez ist einer der weltbesten Perkussionisten unserer Zeit. Der 1987 in Essen geborene Musiker ist bereits Professor für Schlagzeug an der Hochschule für Musik und Theater in München.

Was er am Abend in Avner Dormans „Frozen in Time“ („Eingefroren in der Zeit“) an Marimbaphon, Vibraphon, Glockenspiel, Trommeln und anderen Percussions-Instrumenten leistete, das war atemberaubend virtuos. Avner Dorman wurde 1975 in Tel Aviv geboren. Seit 2009 ist er Staatsbürger der USA. Seine Stücke werden heute von allen großen europäischen und amerikanischen Orchestern aufgeführt. „Frozen in Time“ entstand im Auftrag des Staatsorchesters Hamburg und wurde am 2. Dezember 2007 unter Simone Young und mit Martin Grubinger als Solist uraufgeführt. Jeder Satz der Tondichtung „Frozen in Time“ imaginiert die Musik eines der riesigen prähistorischen Kontinente zu einem bestimmten Zeitpunkt. Im ersten Teil brachte Alexej Gerassimez südindische und afrikanische Rhythmen zu Gehör. Der zweite lyrisch-meditativ anmutende Satz, in dem er ausschließlich auf Metallophonen spielte, ist stark von Mozarts „Siciliana-Sätzen“ inspiriert. Hier erschließt sich der bildhafte Titel der „eingefrorenen Zeit“ am stärksten. Im Finalsatz wechselten sich Broadway-Music, amerikanische Sinfonik, Mellow Jazz, Tango, afro-kubanischer Jazz, Swing und Minimal Music ab oder verschmolzen sogar. Alexej Gerassimez entfaltete ein Feuerwerk an allen Percussions-Instrumenten, und der junge Dirigent Eduardo Strausser steuerte mit dem Jenaer Orchester den perfekten orchestralen Sound bei. Als Zugabe spielte Alexej Gerassimez sein Stück „Asventuras for Snare Drum“. Es entstand während seines Studiums und ist Ausdruck hochvirtuoser Trommelkunst!

In den „Bachianas Brasileiras“ Nr. 8 von Heitor Villa-Lobos konnte der in Sao Paulo geborene Eduardo Strausser mit dem Jenaer Orchester zeigen, wie Villa-Lobos die Struktur Bach’scher Instrumentalkonzerte mit brasilianischer Folklore verwoben hat. Es war beeindruckend, mit welcher Klarheit er den Aufbau des Konzertes durchscheinen ließ und zugleich die brasilianische Folkore mit rhythmischer Präzision und mitreißendem Temperament zum Klingen brachte.

Eine Glanzleistung bot das Philharmonische Orchester unter Eduardo Strausser mit Maurice Ravels „Bolero“. Ganz leise begannen die Trommel-Schläge, die den Grundrhythmus des „Bolero“ bilden und sich bis zum Schluss immer wiederholen. Jede Instrumentalvariation der Holz-und Blechbläser geriet zu einem kleinen Virtuosen-Stück. Mit jeder Variation kam eine neue Klangfarbe hinzu, bis schließlich ein farbenreicher Klangteppich gewoben war. Und am Ende welch ein Triumph des Rhythmus‘! Lebendiger ist der „Bolero“ in Jena nie gespielt worden. Daran hatte das ganze Orchester großen Anteil. Eduardo Strausser wusste das Potential des Jenaer Philharmonischen Orchesters klug zu nutzen, spornte an, wo es ihm nötig erschien und ließ der Spielfreude des Orchesters vollen Lauf. Bravo!

Dr. Dietmar Ebert

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