Dietmar Ebert über das 1. Sonntagskonzert der Jenaer Philharmonie

Ein Abend voller Phantasie

Das Abschlusskonzert zum 1. Thementag der Jenaer Philharmonie am Sonntag, dem 28. Oktober 2018, war gut besucht und versprach drei Überraschungen. Die Fantasie hatte den ganzen Tag beherrscht, und sie war es auch, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Konzert zog.

Unter der Stabführung von Simon Gaudenz erklang zunächst Robert Schumanns Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52. Die Uraufführung dieses Stückes fand am 6. Dezember 1841 im Leipziger Gewandhaus statt, es verströmt eine an Felix Medelssohn-Bartholdy erinnernde Heiterkeit und Freundlichkeit. In der Interpretation von Simon Gaudenz wirkte sie wie eine „kleine Sinfonie“, eine „Sinfonietta“. In dieser Lesart wird die innere Struktur des dreisätzigen Werkes hörbar, gewinnen die Fantasiegestalten Eusebius und Florestan musikalische Gestalt, entwickelt sich tänzerisch eine Art Gigue im zweiten Satz, ehe im Finalsatz die „Kunst der Fuge“ sich voll entfaltet. Es war eine Freude zu erleben, mit welchem Wohllaut in den Streichern, Hörnern und Holzbläsern sich ein romantisch getönter Schumann-Klang entfalten konnte.

„Quasi una fantasia“, so ist das Violinkonzert B-Dur op. 21 des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck (1886-1957) überschrieben. Othmar Schoeck gehört ähnlich wie Heinrich Sutermeister zu den fast vergessenen Komponisten des 20. Jahrhundert. In Dresden kennt man noch immer seine 1927 uraufgeführte Oper „Penthesilea“, und ganz wenigen ist noch vertraut, dass sich Karl Böhm für Schoecks vieraktige Oper „Massimilla Doni“ eingesetzt hat. Zu Othmar Schoecks Oper „Das Schloss Dürande“ (nach Joseph von Eichendorff) hatte auch Böhm kein Verhältnis. Die Oper wurde schließlich 1943 unter Robert Heger an der Berliner Linden-Oper uraufgeführt. Eine beim Schweizer Label Jecklin Edition 1994 herausgebrachte CD vereint Fragmente eines Radiomitschnitts. Unter Leitung von Robert Heger sangen Maria Cebotari, Marta Fuchs, Peter Anders, Willi Domgraf-Fassbaender, Josef Greindl und andere. Goebbels bezeichnete „Schloss Dürande“ als „Bockmist“, weswegen das Stück bald vom Spielplan der Berliner Staatsoper verschwand. Hört man diese technisch gut erhaltenen Aufnahmen an, so kann es gut möglich sein, dass „Schloss Dürande“ wie vielleicht überhaupt dem Komponisten Othmar Schoeck eine Renaissance bevorsteht.

Veronika Eberle hatte für das Sonntagskonzert der Jenaer Philharmonie das selten zu hörende Violinkonzert von Othmar Schoeck ausgesucht. Es ist zwischen 1910 und 1912 entstanden. Geschrieben ist es für die ungarische Violinvirtuosin Steffi Geyer. Es ist keiner der bekannten Stilrichtungen zuzuordnen, steht weder in der klassischen, noch in der romantischen Tradition und bereitet auch nicht die Violinkonzerte der Moderne vor, wie Alban Bergs Violinkonzert. Es ist von einer geradezu herben Schönheit. Veronika Eberle, in diesem Jahr „Artist of Residence“ bei den Jenaer Philharmonikern spielte Othmar Schoecks Violinkonzert sehr engagiert und hochkonzentriert auf ihrer „Dragonetti“-Stradivari aus dem Jahre 1700. Sie ist eine Leihgabe der Nippon Music Foundation. Bemerkenswert war die nie nachlassende Intensität, mit der sie ihren Solo-Part gestaltet hat, der sehr volle, runde Ton ihrer Stradivari, der ausgezeichnet zu Othmar Schoecks Konzert passte, ihr Konzertieren mit dem Orchester, ihre wunderbaren Dialoge mit einzelnen Instrumenten, vor allem mit dem Solo-Horn (ausgezeichnet: Robinson Wappler). Von den ersten Takten des Allegretto über den Mittelsatz bis zum Finalsatz „Allegro con spirito“ ließ Veronika Eberle einen groß angelegten Spannungsbogen entstehen.
Simon Gaudenz und die Jenaer Philharmoniker waren ihr nicht nur aufmerksame Begleiter und Konzertpartner, bisweilen verschmolzen der Klang des Solo-Instrumentes und des Orchesters auf bisher nicht gehörte Weise. Ein Wunsch freilich bleibt offen: die Bewahrung dieses selten zu hörenden Violinkonzertes auf CD!

Den Abschluss des Konzertes bildete ein Fantasiestück der besonderen Art: Modest Mussorgsky „Bilder einer Ausstellung“ in der Instrumentalfassung von Maurice Ravel. So sauber und differenziert in den Holzbläsern (großartig die Fagotte) so festlich in den Klängen der Trompeten, Posaunen und der Tuba, so ausgewogen im gesamten Klangbild hat man die „Bilder einer Ausstellung“ in Jena noch nicht gehört. Wie Simon Gaudenz in der „Promenade“ das Orchester von Bild zu Bild führte, wie die Bilder im Klang zu leben begannen und wie schließlich „Das große Tor von Kiew“ in majestätischem Glanz erstrahlte, das war bewegend und sehr gekonnt musiziert. Das Publikum feierte die Jenaer Philharmoniker und Simon Gaudenz wie Pop-Stars.

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