Gelungener Auftakt des Männerchors des Jenaer Knabenchors mit Dmitri Bortnianskys „Tebe pojem“

Ein tief bewegendes Konzert mit Meisterwerken und der Weltklasse-Pianistin Lilya Zilberstein

Lilya Zilberstein, Foto: Andrej Grilc
Lilya Zilberstein, Foto: Andrej Grilc

Zu Beginn sangen die jungen Männer des Knabenchors vor dem Großen Saal des Volkshauses unter der Leitung von Berit Walther ausdrucksstark und klangschön ihr „Dich preisen wir“ (Tebe pojem) aus der „Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos“ von Dmitri Bortniansky. Diese vermutlich 1814 entstandene Komposition ist dem Ritus des russisch-orthodoxen Gottesdienstes entnommen. In ihr antwortet der Chor auf Gebete oder Fürbitten des Priesters. Es war eine Freude zu hören, wie die jungen Männer des Knabenchores die anspruchsvolle Herausforderung meisterten. Berit Walther dirigierte mit gewohnter Präzision, und die Männerstimmen vereinten sich zu einem gebetsartigen Gesang voller Innigkeit und Schönheit. Nicht immer bedarf es des ganz großen Chores, und den jungen Männern war die Freude anzuhören, auch in kleineren Chorformationen ihr gegenwärtiges großes Können unter Beweis zu stellen. Zugleich war Bortnianskys Chorkomposition eine geradezu ideale Hinführung zu Peter Tschaikowskis zweitem Klavierkonzert in G-Dur op. 44, hatte doch auch er die „Liturgie des hl. Johannes Chrysostomos“ 1878 vertont.

Lilya Zilberstein – umjubelte Solistin in Peter Tschaikowskis zweitem Klavierkonzert

Lilya Zilberstein, in Moskau geboren und heute eine international gefragte Pianistin, brachte Tschaikowskis zweites Klavierkonzert, das sehr zu Unrecht im Schatten seines Vorgänger-Werkes steht, in der Originalfassung zu Gehör. Mit Leichtigkeit, Prägnanz und einem Höchstmaß an Ausdruckskraft spielte sie ihren Solo-Part. Sie gestaltete die beiden Kadenzen des Kopfsatzes zu Glanzpunkten des Konzerts und führte einen einfühlsamen Dialog mit dem Orchester, das unter Simon Gaudenz genau den richtigen Ton traf. Simon Gaudenz gelang es ausgezeichnet, die Klang-Balance zwischen Solo-Instrument und Orchester zu halten. Solistin und Orchester bildeten eine so ideale Einheit, dass hör- und nachvollziehbar wurde: Peter Tschaikowski ist mit dem Kopfsatz seines zweiten Klavierkonzertes eine der mächtigsten Tondichtungen der romantischen Klavierliteratur gelungen. Romantisch im besten Sinne ist auch der 2. Satz. Wunderschön gelang Lilya Zilberstein das „Tripelkonzert“ mit der Solo-Violine (Marius Sima) und dem Solo-Violoncello (Henriette Lätsch). Wie sich die drei Instrumente umspielten und verbanden, gehört zum Schönsten des G-Dur-Klavierkonzerts. Beschwingt, heiter-ausgelassen und voller Lebensfreude spielte Lilya Zilberstein den Finalsatz. Das Jenaer Publikum war begeistert und umjubelte diese Weltklasse-Solistin und das bestens disponierte Jenaer Philharmonische Orchester. Es ist zu wünschen, dass Lilya Zilberstein nun häufiger in Jena zu hören sein wird.

Eine tief bewegende Aufführung von Dmitri Schostakowitschs letzter Sinfonie – Musik zwischen Tragik und Groteske

Die 15. Sinfonie, op. 141 von Dmitri Schostakowitsch spiegelt noch einmal sein ganzes Leben und changiert zwischen Tragik und Groteske. Sie ist die Geschichte eines „gerade noch einmal Davongekommenen“, der sich ducken, maskieren und kulturpolitisch anpassen musste, das ihm „Heiligste“ aber, seine Musik, nie verleugnet und verraten hat. Es verdient großen Respekt und Bewunderung, mit welch nie nachlassender Intensität Simon Gaudenz das Jenaer Orchester führte, wie er die komplexe Partitur zum Leben erweckte, jedes Instrumental-Solo zu einem kleinen Kunststück gestalten und ein zutiefst bewegendes Klanggemälde entstehen ließ. Schostakowitschs 15. Sinfonie durchweht ein „großer poetisch-musikalischer Atem“. Er erzählt Episoden aus seinem „Künstler-Leben“. Das beginnt mit dem Zitieren des Galopps aus Gioachino Rossinis „Wilhelm-Tell-Ouvertüre“, in den herrlich schräge Töne verwoben sind. Ein fast ironischer Blick in die Kindheit und ein Anklang an Militärmarsch-Zitate in den Sinfonien Gustav Mahlers. Im zweiten Satz erklangen, grandios gespielt, ein Bläserchoral im Stile Igor Strawinskys und ein zwölftöniges Cello-Zitat im Stile Arnold Schönbergs. Beide Komponisten hat Schostakowitsch über alles geschätzt und zu beiden durfte er sich nicht offen bekennen, ja, er musste sich sogar von ihnen distanzieren. Nun, am Ende seines Lebens, erweist er ihnen mit grimmigem Humor seine Reverenz. Auch im Scherzo finden sich in den Violinen und Klarinetten Anklänge an Strawinsky und Gustav Mahler. Sogar die Liebesszene zwischen Katarina und Sergej aus seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ lässt Schostakowitsch in den Posaunen zitieren. „Chaos statt Musik“ hatte das Stalin 1936 genannt. Darauf konnte Schostakowitsch nur im „Narrenkostüm“ reagieren. Im Finalsatz wird das „Todesverkündigungs-Motiv“ aus Richard Wagners „Walküre“ zitiert, mit dem „Invasionsthema“ aus der „Leningrader Sinfonie“ gekoppelt und mit dem Hauptthema des fünften Satzes seiner vorletzten Sinfonie verbunden. Gerade im Finalsatz zeigte sich, wie unter dem Dirigat von Simon Gaudenz das scheinbar Unvereinbare sich fügte. Der Klang aller Streicher-Gruppen mischte sich in geradezu idealer Weise mit den Soli der Holzbläser, den Klängen der Hörner, Trompeten, Posaunen und der Tuba und schließlich dem machtvollen Schlagwerk-Tönen zu einem ebenso grandiosen wie differenzierten Orchesterklang. Am Ende ein nicht enden wollender Beifallssturm für das Jenaer Philharmonische Orchester und seinen Chefdirigenten Simon Gaudenz, der es verstanden hat, das Klangideal, was er vor seinem „inneren Ohr“ hatte, mit seinem Orchester zu verwirklichen.

Jena kann sich glücklich schätzen, über Chöre, ein Orchester und einen Chefdirigenten zu verfügen, die ein solches Konzert, das jeder europäischen Großstadt zur Ehre gereichen würde, auf einem so hohen Niveau und so ergreifend musizieren können.

So tief bewegt habe ich das Publikum im Jenaer Volkshaus noch nicht gesehen.

Dr. Dietmar Ebert

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