Marius Sima, Foto: Christoph Beer
Marius Sima, Foto: Christoph Beer

Das Orchester der Jenaer Philharmonie begeisterte unter Li Biao mit Kompositionen von Delius und Elgar

Zu Beginn spielte das Jenaer Philharmonische Orchester unter der Leitung des international renommierten chinesischen Gastdirigenten Li Biao Frederick Delius‘  „The Walk to the Paradise Garden“ mit beeindruckend klangschönen Holzbläser-Soli.

Das Interludio, das Frederick Delius zwischen das vorletzte und letzte Bild seiner 1907 in Berlin uraufgeführten Oper „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ eingefügt und auf Wunsch des Dirigenten Thomas Beecham für den konzertanten Gebrauch verlängert hat, atmet eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens. Li Biao und das Jenaer Orchester ließen die Musik ruhig dahin fließen. Sie stimmten mit diesem Intermezzo das Publikum auf das Hauptwerk des Abends, William Waltons dreisätziges Violinkonzert, ein.

Marius Sima ist fast dreißig Jahre als Konzertmeister der Jenaer Philharmoniker tätig und hat wesentlichen Anteil an der gegenwärtigen hohen Klangkultur des Orchesters. Immer wieder tritt er als Solist auf, stellt sein Können als Geiger unter Beweis und setzt sich für Violinkonzerte ein, die zu Unrecht  wenig gespielt werden oder fast vergessen sind. William Waltons am 7. Dezember 1939 durch Jascha Heifetz und das Cleveland Orchestra unter Artur Rodzinski aus der Taufe gehobenes Violinkonzert stellt höchste Ansprüche an den Solisten. Wie Marius Sima im Kopfsatz das Wechselspiel zwischen dem ersten glanzvoll-expressiven und dem zweiten von träumerischer Eleganz geprägten Thema gestaltete, wie er im zweiten Satz, einem neapolitanischen Scherzo, alle technischen Schwierigkeiten virtuos meisterte und im Finalsatz die kontrapunktisch gearbeiteten Themen hörbar werden ließ und nach einer brillanten Kadenz das Konzert verhalten optimistisch ausklingen ließ: das war ein großartiges musikalisches Ereignis. Marius Sima schien keine technischen Schwierigkeiten zu kennen und interpretierte Waltons selten gespieltes Violinkonzert mit einer hohen musikalischen Reife. Spielerisch verband er italienische Grandezza und eine fast an Sibelius erinnernde nordeuropäische Schwere und Melancholie. Das Jenaer Orchester unter Li Biao war ihm ein aufmerksamer und gleichgestimmter Partner. So konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer sehr genau nachvollziehen, wie feinnervig und kompliziert solistische und orchestrale Passagen mit einander verflochten sind. Marius Sima und das Jenaer Philharmonische Orchester unter Li Biao haben für ein konzertantes Erlebnis gesorgt, dass noch lange nachklingen wird. Es ist zu wünschen, dass sich die Erkenntnis durchsetzen wird, dass William Waltons Violinkonzert es verdient hat, einen bleibenden Platz im Repertoire einzunehmen. Ganz nebenbei sei bemerkt, dass Walton wohl nach Felix Mendelssohn Bartholdy einer der ganz wenigen Komponisten war, der italienische und britische Musiktraditionen verbinden konnte.

Ganz in ihrem Element waren Li Biao und das Orchester bei Edward Elgars „Enigma-Variationen“, 14 Porträt-Miniaturen seiner Freunde. Mit großer Spielfreude, dynamisch-schwungvoll und heiter-ironisch gestalteten sie Elgars populäres Stück und entfalteten einen spätromantisch gefärbten und doch sehr frischen Orchesterklang.

Kein Geringerer als Hans Richter dirigierte Edward Elgars „Enigma-Variationen“ bei der Uraufführung in der Londoner St. James Hall am 19. Juni 1899, und schon bald setzten sich seine Kollegen Arthur Nikisch, Felix Weingartner, Arturo Toscanini und Gustav Mahler für das Werk ein. Von Elgar selbst stammt der Hinweis, dass neben dem Originalthema ein weiteres Thema ertöne, aber nicht gespielt werde. Dieses Rätsel blieb bis heute ungelöst, während die 14 Personen, denen die Variationen oder musikalischen Porträt-Miniaturen nachempfunden sind, mittlerweile bekannt sind. Das kann, aber muss man beim Hören nicht unbedingt wissen. In der Interpretation des Jenaer Orchesters unter Li Biao beeindruckten daher besonders die Klarheit und Struktur der musikalischen Form, der Reichtum der Klangfarben, die Fülle der lyrischen Einfälle und eine gelungene Balance zwischen Leichtigkeit und Tiefe.

Dr. Dietmar Ebert

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