Unter dem Motto „Beethoven und unsere Umwelt“ hatte am Sonntag, dem 08.03.2020 die Jenaer Philharmonie ins Volkshaus zu einer interessanten Veranstaltungsfolge eingeladen.

Am Vortag

Bereits am Tag zuvor hatte es einen Putz der Leutra gegeben, und was da an Gegenständen gefunden wurde, von Joghurtbechern über jede Menge Bierflaschen bis hin zu einer Fahrradfelge und einer Baumscheibe, das wurde geborgen, denn mit etwas Phantasie und Kreativität lassen sich daraus originelle Musikinstrumente basteln.

Unter dem Motto „Moving Landscapes“ fanden am Samstagnachmittag auch „Zugkonzerte“ statt. Mitglieder der Brassband BlechKLANG, des Philharmonischen Chores, des Knabenchors, des Chores Großschwabhausen u.a. führten in Großschwabhausen und Umgebung in verschiedenen Versionen Teile von Beethovens „Ode an die Freude auf“. Das wurde aufgenommen und übertragen, sodass in den Zügen über Transistorradios für wenige Minuten vernehmbar war, was musikalisch in der Landschaft passierte. Es wurde ein bisschen Freude in den Alltag gebracht. Ein Video (Grobschnitt) wurde am Sonntag im Volkshaus gezeigt, und es war spürbar, mit welchem Engagement und welcher Lust alle Beteiligten am Werk waren. Im Gespräch mit Jonas Zipf erläuterten die beiden Künstler und Professoren an der Bauhaus-Universität, Jörn Hintzer und Jakob Hüfner, wie das Projekt konzipiert war, wie es funktioniert und wie es fortgesetzt werden soll.

»Garbage Concerto« und Instrumentenbau-Workshop

Zum Auftakt der Veranstaltungsfolge unter dem Motto „Beethoven und unsere Umwelt“ spielte das Jenaer Philharmonische Orchester unter Simon Gaudenz das „Garbage Concerto“ (Müllkonzert), das der kanadische Komponist Jan Järvlepp 1995 für das Ottawa Symphony Orchestra komponierte. Aus „Abfall“ ließ er recycelte Instrumente für fünf Perkussionisten bauen. Welche Töne René Münch, Alejandro Coello Calvo, Dominik Reichl, Barnabás Fekete und Reinhard Eichhorn im „Tanz des Windes“ und im „Regentanz“ diesen Instrumenten entlockten und wie sie im Mittelsatz auf 24 gestimmten Bierflaschen musizierten, wie sie von Schlagwerkern zu Bläsern wurden, das war sehr originell. Ein großer Spaß für Kinder und Erwachsene und ein gelungener Umgang mit einem ernsten Thema, mit unserer Umwelt, die gefährdeter denn je ist. Jan Järvlepps „Garbage Concerto“ besitzt das Potential, uns für den achtsamen Umgang mit der Natur zu sensibilisieren und uns zu überlegen, welche Instrumente aus „Abfall“ hergestellt werden können, und wie auf ihnen Musik erklingen kann, die uns berührt und bewegt.

Inspiriert durch dieses Stück entstanden in einem Workshop aus Abfall, der am Samstag beim Leutraputz gefunden wurde, interessante Instrumente, die unter Anleitung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Mobilen Musikwerkstatt Jena gebaut wurden, u.a. ein Stuhlbein aus Metall, das mittels einer Stimmgabel zum Klingen gebracht werden kann, ein Bierflaschen-Xylophon, ein Metallquirl als Schlegel für Flaschen, eine Baumscheibe mit Nägeln verschiedener Größe oder eine Fahrradfelge als Schlauchblasinstrument. Besucher konnten sie im Foyer des Volkshauses ausprobieren und Ulrich Richter stellte sie im Gespräch mit Philipp Schäffler vor.

Naturklänge – Klänge der Natur

 Unter Leitung von Philipp Schäffler stand auch das Schülerkonzert „Naturklänge – Klänge der Natur“, das innerhalb des Schulprojekts „Response“ entwickelt und von Schülerinnen und Schülern der Klassen 7a, 7b und 7c des Christlichen Gymnasiums bestritten wurde. Die Naturgeschichten „Blutkäppchen und Rumpel“, die von der Klasse 5 der Regelschule „An der Via Regia Berlstedt“ und ihrem Lehrer Christoph Roesler konzipiert wurden, konnten leider nicht aufgeführt werden, weil viele der Mitwirkenden erkrankt waren.

Die Klasse 7a des Christlichen Gymnasiums hat mit „Der Kreis“ eine kollektive Klanginstallation geschaffen, in der Waldgeräusche, Feuerklänge, Stille und Nichts sich abwechseln, ehe zaghaft und langsam etwas Neues entsteht. Die Mädchen und Jungen wollten damit auf die verheerenden Brände in Lateinamerika und Australien hinweisen. Einen ganz anderen Zugang zum Thema hatten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 7b gefunden. Witzig und humorvoll haben sie Tierstimmen imitiert und diese Geräusche auf verschiedene Instrumente übertragen. Schließlich haben sie die Tierstimmen verschiedenen Lebensräumen zugeordnet. Entstanden ist ein interessanter Tierstimmen-Remix, der Mitwirkenden und Zuhörenden gleichermaßen Spaß gemacht hat. Mit Bildern und Musik hat die Klasse 7c die unterschiedlichen „Saeiten der Natur“, ihre Schönheit und Gefährdung in Klänge verwandelt. Dabei haben die Mädchen und Jungen verschiedene Instrumente zum Einsatz gebracht, sowohl auf der Bühne, als auch von allen drei Seiten des Rangs. Durch dieses Spiel begann der ganze Raum zu klingen. Allen drei siebten Klassen ist es sehr gut gelungen, ihre Vorstellungen von den Klängen der Natur musikalisch-szenisch umzusetzen.

Passend zum Thema setzte Lise de la Salle, ARTIST IN RESIDENCE, in diesem Schüler-Konzert einen ganz besonderen Farbtupfer. Sie spielte das Prelude des großen französischen Komponisten Henri Dutilleux (1916-2013): „Le jeu des contraires“ (Das Spiel der Gegensätze).

Podiumsdiskussion

In der Kultur wie in der Natur nimmt das Prinzip der Nachhaltigkeit einen immer größeren Raum ein. So durfte bei einem Programm unter dem Titel „Beethoven und unsere Umwelt“ eine Podiumsdiskussion zum Thema „Nachhaltige Musikkultur“ nicht fehlen. Unter der Moderation von Jonas Zipf beteiligten sich daran Marcel Kröber, Ulrike Müller, Denis Peisker, Kristjan Schmidt und Kira Taige.

Höhepunkt des Beethoven-Jahres

Natürlich hatten sich die vielen Besucherinnen und Besucher auf das 2. Sonntagskonzert mit Musik von Ludwig van Beethoven besonders gefreut. Die Aufführung von Beethovens 2. Sinfonie durch das Jenaer Philharmonische Orchester unter seinem Chefdirigenten Simon Gaudenz am 16. Januar diesen Jahres hatte große Erwartungen erzeugt und die Vorfreude auf dieses Konzert geweckt. Der Große Saal im Volkshaus war vollständig ausverkauft.

Zunächst spielte Lise de la Salle, ARTIST IN RESIDENCE, mit einem Höchstmaß an technischer Perfektion und musikalischer Gestaltungskraft Beethovens 5. Klavierkonzert in Es-Dur, op. 73. Wie sie im Kopfsatz den Kontrast zwischen energischen und lyrischen Themen hörbar werden ließ, wie sie und das Orchester im zweiten Satz den Wechsel der Themenführung gestalteten, ehe sie leise und zart das Hauptthema des Finalsatzes vorausahnte, um schließlich heiter, fröhlich und energisch das Konzert zu beschließen, das war eine musikalische Meisterleistung! Das Publikum applaudierte enthusiastisch und Lise de la Salle bedankte sich mit einer Zugabe: Natürlich von Johann Sebastian Bach.

Zum Höhepunkt des Tages gestaltete sich die Aufführung von Beethovens Sinfonie Nr. 6 in F-Dur, op. 68, der berühmten „Pastorale“. Die Jenaer Philharmoniker fanden unter der inspirierenden, sehr souveränen Leitung von Simon Gaudenz vom ersten Ton an zu einem transparenten Orchesterklang mit warmem Streicherglanz und phantastischen Soli der Holzbläser und Hörner. Erdmute Geuther (Flöte), Gunter Sieberth (Oboe), Christof Reiff (Klarinette) und Hedwig Dworazik (Fagott) stellten sich ganz in den Dienst der Beethovenschen Musik und leisteten in ihren Soli Vorzügliches. Ausgezeichnet gelangen die Vogelstimmenkadenz in der Bach-Szene, der derb-folkloristische Dorftanz und die aufwühlende Sturm-und Gewitterszene. Das Finale, das Aufkommen froher und dankbarer Gefühle nach dem Sturm, gestalteten Simon Gaudenz und das Jenaer Orchester als Hymnus an die Natur. Zwischen GMD Simon Gaudenz und dem Jenaer Orchester war am Sonntagabend ein ganz besonders starker Gleichklang zu spüren. Ich habe Beethovens „Pastorale“ in Jena oft in sehr guten Interpretationen gehört, doch nie so klar, schön, intensiv und gleichzeitig so transparent und lichtdurchflutet. Gratulation zu einem Beethoven-Klang, wie man ihn sich nur wünschen kann!

Dr. Dietmar Ebert

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