Ein Wiedersehen mit Andrey Boreyko und ein Konzert voller Entdeckungen

Gelungener 2. Thementag der Jenaer Philharmonie

Andrey Boreyko und die Jenaer Philharmonie
Andrey Boreyko und die Jenaer Philharmonie

Der zweite Thementag der Jenaer Philharmonie kreiste darum, was wohl ein „Déja-vù“ sei und schloss benachbarte Themen wie „Erinnerung“ und „Gedächtnis“ ein. Dafür hatten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jenaer Philharmonie eine Fülle von unterschiedlichen Veranstaltungen, vom Familienkonzert, über eine ganztätige interaktive Videostation, eine Station über optische Täuschungen, Klanginstallationen bis hin zu Musik-und Erzählworkshops, organisiert. Natürlich durften auch ein Symposium zum Thema „Déjà-vu“ und ein „Poetry-Slam“ nicht fehlen. Der Höhepunkt des Tages war -wie könnte es anders sein- das Sinfoniekonzert unter der Stabführung des ehemaligen Chef- und heutigen Ehrendirigenten des Jenaer Philharmonischen Orchesters, Andrey Boreyko, und das anschließende Konzertgespräch mit ihm. Während seiner Zeit als Chefdirigent der Jenaer Philharmonie wurde das Orchester vom Verband der Musikverleger drei Mal für das beste Jahresprogramm ausgezeichnet. So durfte das Jenaer Publikum auch bei dem Konzert am frühen Samstagabend auf ungewöhnliche Kompositionen und eine originelle Programmgestaltung gespannt sein.

Zdeněk Fibich und Jörg Widmann – eine gelungene Kombination

Die Aufführung von Zdeněk Fibichs Melodram „Vodník“ („Der Wassermann“) op. 15 nach einer Ballade von Karel Jaromír Erben war eine geniale Wiederentdeckung. Das 1883 entstandene Melodram entfaltete durch den Wechsel von Hans-Jürgen Schatz' eindringlicher Rezitation und dem farbenreichen Orchesterspiel eine starke Wirkung. Zdeněk Fibich ist außerhalb seiner böhmischen Heimat ein fast Vergessener. Lediglich die Umarbeitung seines Stückes „Im Zwielicht“ op.39 für Violine in „Poème“, die der Geiger Jan Kubelik (der Vater des großen Dirigenten Rafael Kubelik) 1909 vornahm, hat sich im Repertoire gehalten. Umso willkommener war es, Fibichs viersätziges Melodram „Vodník“ mit seiner ausgeprägten Leitmotivik, seinen böhmischen Klangfarben und seinem reizvollen Wechselspiel von Sprecher-Stimme und Orchesterspiel kennen zu lernen. Fibichs „Vodník“ und Widmanns „Armonica für Orchester“ zu kombinieren, das war d a s Ereignis des Abends. Welche Vielfalt an Tönen die Wiener Glasharmonika-Spielerin Christa Schönfeldinger ihrem Instrument entlockte, wie der junge ukrainische Akkordeonist Roman Yusipey die Töne der Glasharmonika ergänzte und Andrey Boreyko das Orchester auf- und abschwellen ließ, sodass man eine „verstärkte“ Atembewegung der Glasharmonika zu hören glaubte, das war eine Novität für die Jenaer Konzertfreunde. Durch die Solo-Instrumente, umspielt von Celesta, Glockenspiel und Wasser-Gong entstand ein sphärischer, aller Erdenschwere enthobener Klang. Sphärenklänge? Vielleicht. Jörg Widmann hat dieses Stück anlässlich des 250. Geburtstages Mozarts als Hommage an ihn geschrieben. Er war sehr beeindruckt, als Christa Schönfeldinger ihm Mozarts „Adagio für Glasharmonika“, KV 617a, vorgespielt hat. Doch sein eigenes Stück enthält kein Zitat von Mozart, keine Adaption. Vielmehr demonstriert er eine Methode, wie durch das Spiel der Glasharmonika, der Ziehharmonika, der Schlaginstrumente und des Orchesters der Klang zu atmen beginnt, wie er leichter und leichter wird und so den Weg zu Mozart findet. Das Stück wurde zu Mozarts Geburtstag 2007 von den Wiener Philharmonikern unter Pierre Boulez in Salzburg uraufgeführt. Die Musik Jörg Widmanns, wie sie Christa Schönfeldinger, Roman Yusupey und das Jenaer Orchester unter Boreyko spielten, zog das Publikum geradezu magisch in ihren Bann.

Igor Strawinskys „Chant funèbre“ und „Feuervogel“

Noch eine Überraschung hielt Andrey Boreyko bereit: Igor Strawinskys „Chant funèbre“. Diese Trauermusik entstand 1909 zum Tode von Nikolai Rimski-Korsakow. Die Partitur war jahrelang verschollen und wurde erst 2015 wieder entdeckt und unter Valerij Gergiev in St. Petersburg erneut aufgeführt. „Chant funèbre“ bereits zwei Jahre später in Jena hören zu können, glich einer kleinen Sensation. In Strawinskys „Trauermusik“ hatten vor dem Hintergrund der vibrierenden Bass-Stimmen, alle Solo-Instrumente die Gelegenheit, dem verstorbenen Nikolai Rimski-Korsakow ein kleines Solo zu widmen.

Nach drei „Entdeckungen“ folgte mit Strawinskys 1945 entstandener dritter Konzertsuite des „Feuervogel“ ein dem Publikum bekanntes Stück. Wie es die Jenaer Philharmoniker unter Boreyko spielten, mit welcher Musizierfreude und Präzision alle Instrumental-Soli gemeistert wurden und das gesamte Orchester einen prachtvollen Klang entfaltete, das verdient höchste Anerkennung.

Igor Strawinsky selbst hielt die Konzertsuite Nr. 3 seines Balletts „L’oiseau de feu“ („Der Feuervogel“) für die gelungenste. Die Jenaer Zuhörer genossen sehr, wie ihr Orchester unter der Leitung seines früheren Chefdirigenten Andrey Boreyko die Klangsprache Strawinskys zum Leben erweckte, geradezu plastisch gestaltete. Da waren die an Wagner geschulte Leitmotivtechnik ebenso zu hören, wie die Anklänge an die Musik seines Lehrers Rimski-Korsakow oder die seiner Landsleute Michail Glinka und Peter Tschaikowski. Geradezu atemberaubend erklang der „Höllentanz“ und voller Ruhe und Sinnlichkeit das „Wiegenlied“.

Wie vor 21 Jahren feierte das Jenaer Publikum Andrey Boreyko und die Jenaer Philharmoniker mit stehenden Ovationen. Fürwahr ein „Déjà-vu“!

Ein herzliches Dankeschön an Andrey Boreyko, dass er nach Jena gekommen ist. Alles Gute für ihn und seine Familie. Und natürlich: Wir in Jena lieben das „Déjà-vu.“

Dr. Dietmar Ebert

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