Prolog

Der Veran­stal­tungs­ort für das Jubi­läums­kon­zert „90 Jahre Jenaer Phil­har­mo­nie“ am ver­gan­ge­nen Frei­tag war nicht die tra­di­tio­ns­rei­che Heim­statt des Orches­ters im Volks­haus, son­dern die Spar­kas­sen-Arena Jena, brau­chte es doch eine Bühne für mehr als 400 Mit­wir­kende. Auf dem Pro­gramm stan­den „Omen“, „Orkus“ und „Anima“ von Andrea Lorenzo Scar­taz­zini und mit Gus­tav Mah­lers Sin­fo­nie Nr. 8 in Es-Dur, sei­ner „Sin­fo­nie der Tau­send“, das Werk eines Kom­po­nis­ten, der vor 90 Jah­ren in Deutsch­land zu den ver­fem­ten Ton­künst­lern gehörte.

Mehr als 400 Mit­wir­kende auf der Bühne der Spar­kas­sen-Arena

Um es gleich vor­weg­zu­neh­men: Mag auch die Akustik in der Spar­kas­sen-Arena ein wenig trocken gewesen sein und das Ambiente einer Bas­ket­ball­halle leicht irri­tiert haben, so gelang es doch, dem Publi­kum einen opu­len­ten Stimm- und Orches­ter­klang zu prä­sen­tie­ren. Das homo­gene Solis­ten­en­sem­ble – mit Elisa­beth Dop­heide, Julia Sophie Wag­ner und Akiho Tsujii (So­pran), Mar­len Bie­ber und Eve­lyn Krahe (Alt), mit Corby Welch (Te­nor), Tho­mas Essl (Bari­ton) und Mar­tin-Jan Nij­hof (Bass) – , der Chem­nit­zer Opern­chor, der Phil­har­mo­ni­sche Chor Jena, der Jenaer Madri­gal­kreis, der Mon­te­ver­di­chor Würz­burg, der Kna­ben­chor der Jenaer Phil­har­mo­nie, der Natio­nale Aka­de­mi­sche Kna­ben- und Män­ner­chor Lviv, die Jenaer Phil­har­mo­nie und die Robert-Schu­mann Phil­har­mo­nie Chem­nitz berei­te­ten unter der moti­vie­ren­den, alles sorg­sam koor­di­nie­ren­den Stab­füh­rung von Simon Gau­denz dem Jenaer Pub­li­kum ein tief berü­hren­des, unver­gess­li­ches musi­ka­li­sches Erleb­nis. Alles schien wie aus einem Guss, und die sechs Chöre klan­gen wie ein ein­ziger gro­ßer Chor. Das ist nicht zuletzt Berit Wal­ther, die die Jenaer Chöre, Ste­fan Bilz, der den Chor des Thea­ters Chem­nitz, Mat­thias Beckert, der den Mon­te­ver­di­chor Würz­burg und Dmy­tro Kat­sal, der den Kna­ben- und Män­ner­chor „Dudaryk“ Lviv ein­stu­dierte ebenso zu dan­ken, wie Maria Ben­yu­mova, die für die Koor­di­na­tion der Chöre sorgte.

Berüh­rende Urauf­füh­rung von »Anima«

Auf Andrea Scar­taz­zinis „Omen“ und „Orkus“, die er der 6. und 7. Sin­fonie Gus­tav Mah­lers vor­an­ge­stellt hatte, folgte die Urauf­füh­rung sei­ner Kom­po­si­tion „Anima“ für Alt, Chor und Or­ches­ter. Als Text liegt ihr Goet­hes „Gesang der Geis­ter über den Was­sern“ zu­grun­de. Der Kom­po­nist ver­steht „Anima“ als Pro­log zu Mah­lers „Ach­ter“. Das meta­pho­ri­sche Bild eines See­len­zyk­lus’, den Goe­the mit dem Kreis­lauf des Was­sers ver­gleicht, kor­res­pon­diert mit der Läu­te­rung von Fausts Seele im Finale der „Ach­ten“. In „Anima“ gelang es Scar­taz­zini, das Rau­schen des Was­sers, sein Schäu­men und Toben bis hin zum ruhi­gen Flie­ßen in Töne zu fas­sen, fein grun­diert vom Chor, der einen geis­ter­haf­ten Klang erzeugte, aus dem sich der Ge­sang der Altis­tin Eve­lyn Krahe lyr­isch-sanft erhob. Mit die­ser Art Pro­log wird das „Ret­ten­de“, weib­lich Kon­no­tier­te der Schluss­szene des zwei­ten Teils der ach­ten Sin­fo­nie anti­zi­piert und ein Kon­trast zum hym­ni­schen ers­ten Teil der Sin­fonie gesetzt.

Mah­lers »Achte« – ein über­kon­fes­sio­nel­les Be­kennt­nis zu einer von all­um­fas­sen­der Liebe durch­drun­ge­nen Musik

Ohne Über­gang schloss sich der stimm­ge­wal­tige Hym­nus „Veni, crea­tor spi­ri­tus“ mit sei­nen impo­san­ten Klang­wo­gen an. Im sau­be­ren, kräf­ti­gen und aus­drucks­star­ken Gesang der Chöre und Solis­ten wie auch im phä­no­me­na­len Orches­ter­klang offen­barte sich Mah­lers Inten­tion, dass der schöp­fe­ri­sche Geist das Chaos ord­net. Simon Gau­denz gelang es, sowohl die gro­ßen sin­fo­ni­schen Bögen, als auch kam­mer­mu­si­ka­li­sche Struk­tu­ren und feine Ins­tru­men­tal­soli und -zu­spiele zum Hör­er­leb­nis wer­den zu lassen.

Das Ein­gangs­the­ma kehrt drei­mal wie­der. Anton Webern hat darauf hin­ge­wie­sen, dass es bei der zwei­ten Wie­der­kehr als „Ac­cen­de lumen sen­si­bus“ („Mach hell unsere Sinne“) in Er­schei­nung tritt und eine Brücke zum zwei­ten Teil schlägt. Mein Ein­druck war, dass durch Scar­taz­zi­nis „Anima“ und das „Ac­cen­de“-Thema Bö­gen zum zwei­ten Teil der ach­ten Sin­fonie ge­spannt wur­den, die dem Hym­nus nichts von seiner Kraft genom­men haben, son­dern ihn als kolos­sales musi­ka­li­sches Monu­ment er­schei­nen lie­ßen, dass nicht für sich allein ste­hen kann, son­dern des zwei­ten Teils unbe­dingt bedarf. Die Ver­to­nung der Schluss­szene aus Goe­thes „Faust II“ ist drei­mal so lang wie der Hym­nus „Veni, crea­tor spi­ri­tus“. Schon die lange Ins­tru­men­tal-Intro­duk­tion klang sehr ein­drucks­voll, und das Stac­cato des Cho­res „Wal­dung, sie schwankt heran“ zog das Publi­kum in den Bann des Ge­sche­hens, das durch den Dia­log der Solis­tin­nen und Solis­ten mit dem gro­ßen Chor auf der Bühne und dem Kna­ben­chor auf der lin­ken „Tri­büne“ ergrei­fen­de Wort- und Ton­ge­stalt an­nahm. Beson­ders berüh­rend sang Julia Sophie Wag­ner mit ihrem hohen Sopran die wun­der­bar ver­ton­ten Verse der Una Poe­ni­ten­tium (eine der Büße­rin­nen, sonst Gret­chen ge­nannt). Die Verse der Mater Glo­rio­sa: „Komm! Hebe dich in hö­here Sphä­ren! / Wenn er dich ahnet, folgt er nach!“ erklangen tat­säch­lich von oben, denn Akiho Tsujii stand in der obers­ten Reihe der rech­ten Tr­ibüne. Mit dem „Bli­cket auf zum Ret­ter­blick“, das Corby Welch als Doc­tor Maria­nus mit aus­drucks­star­kem Tenor sang, begann das ein­zig­ar­ti­ge Finale von Gus­tav Mah­lers „achter Sin­fo­nie“. Bewun­derns­wert war, wie alle Solis­ten, Chöre und Or­ches­ter­mit­glie­der ihre enorme küns­tle­ri­sche Aus­drucks­kraft in den Dienst der Worte Goet­hes und der Musik Mah­lers stell­ten, wie Simon Gau­denz die Musik nach oben stre­ben und in das gewal­tige Chor­finale mün­den ließ. Damit erklang Mah­lers „Achte“ als das über­kon­fes­sio­nel­le Be­kenn­tnis zu einer von all­um­fas­sen­der Liebe durch­drun­ge­nen Musik, die es auch heute noch vermag, soziale Bin­de­kräf­te zu ent­fal­ten. In die­sem Sinne wird das Jubi­läums­kon­zert als musi­ka­li­sches und gesell­schafts­po­li­ti­sches Ereig­nis in die Anna­len der Jenaer Musik­ge­schichte ein­gehen.

Dr. Dietmar Ebert

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