Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucian Hunziker
Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucian Hunziker

Nach Andrea Scartazzinis „Torso“ und „Epitaph“ erklang unter Simon Gaudenz die Jenaer Erstaufführung seines neuen Stücks „Spiriti“ mit bruchlosem Übergang zu Gustav Mahlers 3. Sinfonie in d-Moll

Nach seinen beiden Stücken „Torso“ und „Epitaph“ erklang als Erstaufführung Andrea Lorenzo Scartazzinis „Spiriti“. Feine Klänge des zehnfach besetzten Schlagwerks verbinden sich mit schattenhaften Klappgeräuschen der Holzbläser und sich zögernd entwickelnden Streicherklängen. Aus ihnen bilden sich kompakte Klangflächen, die an einen stillen See bei Nacht erinnern. Sie werden durch ätherisch wirkende Klangtupfer aller Schlaginstrumente angereichert. Die Klänge in „Spiriti“ erinnern an huschende Elfen und Kobolde, an das nächtliche Treiben geisterhafter Wesen im Schattenreich der Träume. So bildet dieses Scherzo-Nocturno sowohl einen Ruhepunkt nach „Torso“ und „Epitaph“ als auch einen Kontrast zum wuchtigen Beginn des ersten Satzes von Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 3 in d-Moll. Simon Gaudenz, das Jenaer Philharmonische Orchester und die Frauen des Philharmonischen Chores haben den Spannungsbogen der ersten drei Stücke des Scartazzini-Zyklus eindrucksvoll gestaltet. Wieder beeindruckten die  Situation des Erwachsens in „Torso“ (eindrucksvoll Steffen Naumann und Alexander Suchlich an den Ferntrompeten), das aufwühlende Cello-Solo (großartig Henriette Lätsch) und die vom Frauenchor gesungenen bewegenden Rilke-Verse: „Wir sind die Schale, wir sind das Blatt, der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Frucht, um die sich alles dreht.“

Wie es dem Orchester unter seinem Chefdirigenten gelang, bruchlos an „Spiriti“ anzuschließen und den riesigen Bogen innerhalb der Mahler-Sinfonie zu spannen, verdient höchste Anerkennung. Bereits im Kopfsatz war zu hören, dass alle Instrumentengruppen genau den Mahler-Ton trafen, den man sich als Hörer wünscht.

Das ist gerade in der 3. Sinfonie besonders schwer, repräsentiert doch jeder Satz eine unterschiedliche Sprache musikalischen Erzählens. Im Kopfsatz ist es, als würden Militärmärsche, die Mahler seit seiner Kindheit bekannt waren, collagiert und sich am Ende des mächtigen, fast vierzigminütigen Satzes aufeinander zu bewegen.

Vor allem die Blechbläser leisteten im 1. Satz Vorzügliches. Ein bisschen erinnerten die tänzerisch-verspielten, filigranen Melodien des 2. Satzes in ihrer Anmut und Heiterkeit an ein Menuett, während die etwas derbere volkstümliche Musik des dritten Satzes Assoziationen an die lebenspralle Musik, wie sie auf den Tanzböden in Dörfern und Vorstädten erklang, weckte. Seine besondere Schönheit gewinnt der 3. Satz durch das aus der Ferne erklingendes Posthorn-Solo (hervorragend Steffen Naumann). Schon in diesen drei Sätzen wird deutlich, aus welch unterschiedlichen musikalischen Sphären des altösterreichischen Vielvölkerstaates Mahler seine Inspirationen bezog und wie er ganz unterschiedliches Material in seine sinfonische Sprache eingeschmolzen hat. Diesen drei ganz verschiedenen musikalischen Erzähl-Ebenen folgt die Vertonung von Friedrich Nietzsches „Nachtwanderlied“ aus seiner berühmten Schrift „Also sprach Zarathustra“:

„Oh Mensch! Gib acht! Was spricht die tiefe Mitternacht?“ Ida Aldrian interpretierte diese von Gustav Mahler wunderbar in Töne gesetzten Verse mit ihrem schlank geführten Mezzosopran so klangschön und intensiv, dass sie einen magischen Moment der Sinfonie bildeten. Im fünften Satz überzeugten die Solistin, die Frauen-und Knabenstimmen mit „Es sungen drei Engel“ aus der Volksliedsammlung „Des Knaben Wunderhorn.“ Die Frauenstimmen des Philharmonischen Chores und die von Ida Aldrian gesungenen Soli verschmolzen mit den Knabenstimmen, deren „Bimm, Bamm“ sich mit den Klängen von sechs Glocken vereinigte.

Im Finalsatz stimmen die Streicher ein scheinbar endloses, ruhevolles und sehr inniges Thema an, das sich in allen Instrumentengruppen ausbreitet und in strahlende D-Dur-Klänge mündet. Es ist, als ob die Gegensätze und Unterschiede aus den fünf vorangegangenen Sätzen versöhnt sind. Es war eine Freude zu hören,

wie ein ruhiger, Frieden verströmender Mahler-Klang den ganzen Raum erfüllte. Wenn man so will, war dieser Finalsatz auch die Einlösung dessen, was im „Nachtwanderlied“ als „ mitternächtliche Aufforderung“ an Mensch und Welt ergangen war. Dabei war ein „musikalischer Wärmestrom“ entstanden, eine Musik, die vermutlich dem Ideal Friedrich Nietzsches sehr nahe gekommen ist.

Das Publikum im ausverkauften Volkshaus bedankte sich für die phantastische Aufführung bei allen Mitwirkenden und vor allem bei Simon Gaudenz durch nicht enden wollenden stürmischen Applaus für einen Abend, der allen Jenaer Musikfreunden im Gedächtnis bleiben wird.

Nicht nur die Uraufführung von „Spiriti“ war ein außerordentliches musikalisches Ereignis, sondern „Torso“, „Epitaph“ und „Spiriti“ erzählten sehr genau und bewegend, was sie mit Gustav Mahlers Musik verbindet. Simon Gaudenz und das Jenaer Orchester ist es zu danken, dass sie Andrea Lorenzo Scartazzinis Partituren mit großer Präzision und hoher musikalischer Gestaltungskraft zum Klingen gebracht haben.

Wie Ida Aldrian, der Frauen- und Knabenchor und vor allem das Orchester der Jenaer Philharmonie unter der Leitung von Simon Gaudenz Gustav Mahlers 3. Sinfonie in d-Moll aufgeführt haben, das war großartig und ergreifend. Nie lag Jena musikalisch so nah bei Wien!

Dr. Dietmar Ebert

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