Im Jenaer Volkshaus spielte Rosa Donata Milton Pēteris Vasks’ Violinkonzert „Fernes Licht“. Im Anschluss daran erlebte hier und in drei weiteren mit Jena verbundenen Orten Marc Sinans Oratorium „GLEISSENDES LICHT“ seine Uraufführung

Bevor am Mittwoch, dem 29. September, Marc Sinans „GLEISSENDES LICHT“ im Rahmen der ACHAVA Fest­spiele seine zutiefst bewegende Urauf­führung erlebte, spielte Rosa Donata Milton das Violin­konzert „Fernes Licht“ von Pēteris Vasks, ein „Lied, das aus der Stille kommt und in die Stille entschwebt“. „Fernes Licht“ ist ein Konzert für Violine und Streich­orchester. Es wurde 1997 von Gidon Kremer und der Kremerata Baltica bei den Salz­burger Fest­spielen uraufgeführt. Rosa Donata Milton hatte Pēteris Vasks Violin­konzert bereits 2016 in Jena aufgeführt und damit das Publikum tief berührt. Jetzt, fünf Jahre später, hat ihr Geigen­spiel noch an Intensität, Tiefe und Wahrheits­suche gewonnen. Vielleicht hat die Verbunden­heit und Freund­schaft mit dem in Riga lebenden Komponisten dazu beigetragen, der eigens zu ihrer Aufführung seiner Werke „Vox Amoris“ und „Einsamer Engel“ angereist war. Rosa Donata Milton spielte „Fernes Licht“ technisch perfekt und so ausdrucks­stark, dass die Verletzlich­keit des Menschen ebenso spürbar war wie die in jedem Moment aufscheinende Möglichkeit von Hoffnung und Liebe. „Fernes Licht“ war in der Inter­pretation von Rosa Donata Milton eine Komposition, die es dem Publikum ermöglichte, sich zu öffnen und dem Erinnern Raum zu geben: Von „Fernem Licht“ zu „GLEISSENDEM LICHT“.

Uraufgeführt wurde Sinans „musikalisches Ritual des Erinnerns“ im Jenaer Volkshaus; doch waren durch Zuschaltung das Jenaer Orchester, die Sängerinnen Katia Guedes, Johanna Vargas, Johanna Krödel, der Bass Andreas Fischer, das Ensemble AuditivVokal Dresden mit Buchen­wald (Blech­bläser­ensemble der Staats­kapelle Weimar, Jenaer Knaben­chor), Tel Aviv (Sprecherin Hadar Dimand) und Berlin (Pianist Michael Wendeberg) verbunden.

Marc Sinan stellt in den Mittel­punkt seines „Oratoriums des 21. Jahrhunderts“ Zitate aus einem Offenen Brief, den die Über­lebende von Auschwitz, Batsheva Dagan, 1945 an eine ihrer Peinige­rinnen, die in Deutsch­land vor Gericht stand, schrieb. Er kulminiert in den Worten: „Wir verurteilen Sie zu leben und zu leiden, wie wir es taten.“ Aus diesem Dokument entwickelte Marc Sinan mit seinem Librettisten Holger Kuhla einen Text, in dem Schuld, Gerechtig­keit, Rache­gefühle und die Traumata der Opfer in aller Härte auf das Vergessen-Wollen der Täter und ihr Nicht-Eingestehen der Schuld treffen. Wie nun die von Hadar Dimand gesprochenen Texte mit den Solo-Stimmen verwoben, der Chor mit stampfendem Rhythmus Schuld, Gerechtig­keit und Vergebung skandierte, wie Michael Wendeberg auf dem Berliner Bebel­platz, dem Ort der Bücher­verbrennung 1933, live auf dem Flügel konzertierte und seine kraft­vollen Akkorde sich mit dem Spiel des Jenaer Orchesters verbanden, wie sich in Buchen­wald klagende Klänge der Weimarer Blech­bläser mit den berührenden, leise Hoffnung ankündigenden Knaben­stimmen abwechselten und wie Simon Gaudenz verstand, das Ganze exakt zu koordinieren und musikalisch zu gestalten, war zutiefst berührend. Die Schwarz-Weiß-Bilder, die aus Tel Aviv, Berlin und Buchen­wald zugeschaltet waren, fügten dem musikalischen Geschehen eine weitere Dimension hinzu. Im Zusammen­spiel der Räume entstand eine „musikalische Zeit­achse“, die Gegen­wart und Vergangen­heit verbindet, sodass sich immer eindringlicher der Wunsch und die Forderung der Shoa-Opfer musikalisch Bahn brachen: „Vergesst uns nicht. Sagt meinen Namen. Und ich habe wieder einen Namen.“ Mit dieser Aufforderung zu Erinnerung und zivil­gesellschaft­lichem Engagement an uns alle endete Marc Sinans „Oratorium“, das live von Deutschland­funk Kultur ausgestrahlt wurde.

Seit der szenischen Uraufführung von Mieczysław Weinbergs Oper „Die Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen 2010 ist kein musikalisches Werk über die Shoa entstanden, das so tieflotend und alle Sinne ansprechend, das Publikum erschüttert hat wie Marc Sinans „GLEISSENDES LICHT“. Allen an der Uraufführung beteiligten Künstlerinnen und Künstlern ein herzliches Danke­schön. Ein Sonder­lob für die Techniker und Simon Gaudenz für die emotional stark bewegende Uraufführung!

Dr. Dietmar Ebert

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