Von „großen und kleinen Königen“ und der „besten Jazzballade der Welt“

UWAGA! trifft Jenaer Philharmonie in Jenas Stadtkirche St. Michael

UWAGA!, Foto: Ebbert & Ebbert
UWAGA!, Foto: Ebbert & Ebbert

Wenn sich die Musiker der Jenaer Philharmonie Partner zu Crossover-Projekten einladen, dann sind das hochprofessionelle Musiker, die Grenzen überschreiten und „Musik ohne Grenzen“ spielen. Sie brauchen das Orchester nicht als Begleitorchester, das einen Soundteppich ausbreitet. Vielmehr geht es um partnerschaftliches „Konzertieren“ im traditionellen Sinne und wenn es glückt, um die Verschmelzung von solistischem und orchestralem Klang.
So waren die Erwartungen an die Musiker von UWAGA!, die in Quartett- und Quintett-Besetzung auftreten, besonders hoch. Ihr Album „swan fake“(2016), für das sie die Dortmunder Philharmoniker unter Philipp Armbruster begleitet haben, machte Staunen und neugierig.

UWAGA ist polnisch und bedeutet Achtung. Dieses Schild findet sich in Polen an jeder Baustelle. Es warnt Unbefugte, die Baustelle oder ein Grundstück zu betreten, das von einem bissigen Hund bewacht wird. UWAGA/ACHTUNG könnte auch als Achtungs-Zeichen der Jenaer Philharmonie und als Hinweis auf das Jahresprogramm gedacht sein: ACHTUNG! HIER BEGINNT ETWAS NEUES!

UWAGA! So nennt sich das Quintett aus dem Ruhrpott mit Christoph König (Violine, Viola), Maurice Maurer (Violine), Miroslav Nisic (Akkordeon), Matthias Hacker (Kontrabass) und Max Klaas (Percussion). Im 1.Sonderkonzert trafen sie auf das voll besetzte Jenaer Orchester unter Leitung von Ulrich Kern. Er ist dem Jenaer Publikum durch Gastdirigate bestens bekannt. Derzeit ist er Erster Kapellmeister am Stadttheater in Görlitz. Seine Aufgeschlossenheit und Vertrautheit gegenüber neuer Musik und neuen Musikformen wird von Musikern und Publikum landesweit geschätzt.

Vom ersten Ton spürten die Besucher in St. Michael: Er war der richtige Mann am Pult. Sprühend vor musikalischen Ideen und voller Spielwitz verwandelten die fünf Musiker Stücke des Klassischen Repertoires, wie Edward Elgars „Pomp und Circusdance March No.1“, Johann Sebastian Bachs „Doppelkonzert“, Peter Tschaikowskis „Schwanensee“, Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate KV 331, Jean Sibelius‘ Violinkonzert oder Antonio Vivaldis „Sommer“ in eine stark rhythmisch akzentuierte Musik, die irgendwo zwischen Klassik, Jazz, Balkanmusik und Pop angesiedelt ist. Was so leicht und locker klingt, ist hart erarbeitet, in den Arrangements genau durchdacht und wird von den fünf Musikern virtuos dargeboten. Das kann ganz klassisch beginnen, wie bei Bachs „Doppelkonzert“ oder Sibelius „Violinkonzert“, und plötzlich führt es die Zuhörer in moderne musikalische Sphären oder in Miroslav Nisics serbische Heimat. In Christoph Königs Bearbeitung von Bachs Choral „Ach großer König“ aus der „Johannes- Passion“ wird dessen Variation geschickt mit einem Schlaflied für seinen kleinen Sohn verwoben. Folgerichtig heißt die Komposition „Könige verschiedener Größen“. Jeder der fünf Musiker beherrscht sein Instrument excellent. Doch erst im Zusammenspiel treiben sie sich durch Spielfreude voran und setzen musikalische Energien frei. Erst recht beim Konzertieren mit den Jenaer Philharmonikern unter Ulrich Kern. Das zeigte sich sehr eindrucksvoll in Christoph Königs Bearbeitung von Gustav Mahlers „Adagietto“, das in dieser Fassung zur „schönsten Jazzballade aller Zeiten“ wurde. In diesem Highlight des Abends offenbarte sich Mahlers Modernität und die einzigartige Affinität der fünf Musiker zur Sinfonik. Unwillkürlich stellte sich die Assoziation zu Gustav Mahlers genialer Bemerkung ein: „Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.“ Das begeisterte Publikum in Jenas Stadtkirche St. Michael verlangte nach einer Zugabe. UWAGA! mit dem 3. Satz aus Mozarts Violinkonzert in A-Dur, KV 219 - Alla Turca. Dieses Stück könnte auch den Titel tragen „Verwicklungen im Serail.“

Ein tolles, hochkarätiges Konzert. Ein Publikum, das begeistert und zufrieden war. Und eine hervorragende Arbeit der Techniker, die trotz der schwierigen Akustik in St. Michael, ein Optimum an Klangqualität garantierten. Für alle künftigen Konzerte gilt: UWAGA/ACHTUNG! Das Betreten der Baustelle „Jenaer Philharmonie“ ist ausdrücklich erwünscht!!!

Dr. Dietmar Ebert

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