Maurice Ravels „Ma mère l’Oye“ und Benjamin Ellins „One Before Zero“

Von Feinden zu Freunden

Das Konzert am vergangenen Freitag war dem Gedenken an das Ende des 1. Weltkrieges und dem Beginn der Demokratie auf deutschem Boden gewidmet. Unter dem Motto „Von Feinden zu Freunden. Ein europäisches Erinnerungsmosaik“ spielte das Philharmonische Orchester Jena Werke von Maurice Ravel und Benjamin Ellin. Zu Beginn erklang „Ma mère l’Oye“, eine Ballett-Suite in 6 Bildern nach Märchen-Motiven. 1912 erstmals in der Orchesterfassung aufgeführt, erinnerten Ravels Impressionen an die Welt vor dem 1. Weltkrieg, in der der friedliche Austausch in den Wissenschaften und Künsten zwischen Frankreich und Deutschland das Leben bestimmte.

Benjamin Ellin und die Jenaer Philharmoniker fanden in Ravels Ballett-Suite zu einem leichten, federnden Klang. Die Solo-Violine und die Holzbläser bereicherten das Klangbild durch eine Vielzahl von Farbtupfern und entführten das Publikum in eine Traumwelt. Märchenhafte Sphärenklänge!

Das Hauptwerk des Abends war Benjamin Ellins Oratorium für Mezzosopran, Bariton, Knabenchor und Orchester „One Before Zero“. Der britische Komponist Benjamin Ellin schrieb sein groß angelegtes Werk zum „Gedenken an die Schlacht an der Somme“. Uraufgeführt wurde es im Rahmen des Europäischen Orchesternetzwerkes „ONE®“ 2016 vom Knabenchor der Jenaer Philharmonie und vom Orchestre de Picardie unter Arie van Beck in Amiens. Am Freitag fand nun unter Leitung des Komponisten die Aufführung in Jena statt.
Als Zuhörer fühlte man sich nach Ravels Suite in eine andere Welt gerissen. In einem Prolog fragt sich wie in einer Situation des Erwachens zunächst der Solist, wer die Männer um ihn, wer seine Feinde sind und wer er selbst ist. Im nächsten Teil „Kriegslist“ tritt neben die beiden Solisten der Chor hinzu, der zwischen englischen, französischen und deutschen Passagen wechselt. Wie die Jungen und jungen Männer scheinbar mühelos die Sprache wechselten, welch großen Ausdruck sie in den Gesang der Texte legten und wie genau sie den Tonfall von Benjamin Ellins trafen, das lässt ahnen, wie lange und exakt Berit Walther die Einstudierung vorgenommen hat. Den größten Teil des Oratoriums nimmt der Teil „Zero Hour“ ein. Das ist ein ergreifender Dialog zwischen Solisten und Chor, in dem die Schlacht mit den modernen Waffen des 20. Jahrhunderts gestaltet wird, eine Schlacht, in der „Sterne fallen“ und „Blitz und Feuer“ die Schlacht bestimmen, in der man Schüsse zu hören glaubt und die Existenzangst der Männer spürt, bis am Ende der Gaskrieg entfesselt wird und die modernen Vernichtungswaffen des 20. Jahrhunderts zum Einsatz kommen. Das ist hochkomplex komponiert, und wird vom Knabenchor furios gesungen. Im bewegenden Epilog werden Männer wieder zu Söhnen, Ehemännern und Vätern. Leise und tastend wird der Versuch gewagt, aus Feinden Freunde werden zu lassen. Benjamin Ellin, Marta Fontanals-Simmons, Peter Savidge, der von Berit Walther einstudierte Knabenchor und das Jenaer Orchester haben das Oratorium „One Before Zero“ mit hoher musikalischer Präzision und sehr bewegend aufgeführt. Gerade ein so schwieriges und hochkomplexes Werk wie Benjamin Ellins Oratorium „One Before Zero“ ließ das Jenaer Publikum erleben, über welche Möglichkeiten das europäische Orchesternetzwerk „ONE®“ verfügt. Mit Benjamin Ellins Oratorium hat der Komponist eine Antikriegsmusik geschaffen, die bleiben wird, die es vermag, die Herzen der Zuhörer zu bewegen und die Erinnerung an die traumatischen Bedingungen des Krieges wach zu halten. Es spricht für die Offenheit des Jenaer Publikums, mit welcher Wärme und Herzlichkeit es Benjamin Ellins Oratorium aufgenommen hat. Neben den beiden Solisten und dem Knabenchor war es vor allem der Komponist, der am Pult der Jenaer Philharmoniker den großen Spannungsbogen seines Oratoriums hörbar werden ließ und alle Beteiligten mit einer so hohen Intensität musizieren ließ, dass sich die Spannung auf das Publikum übertrug. Wie sich das Jenaer Orchester und vor allem der Knabenchor für dieses moderne Antikriegsoratorium einsetzten, das verdient höchste Anerkennung. Die Jungen und jungen Männer stellten einmal mehr unter Beweis, auf welch hohem Niveau sie gegenwärtig musizieren.

Schließlich zeigte uns die Aufführung von Benjamin Ellins „One Before Zero“, die sich an den „Klang der Stolpersteine“ und das Gedenken an die deportierten jüdischen Mitbürger am Westbahnhof anschloss, welch großes Geschenk es für uns ist, in einem friedlichen Europa leben zu dürfen.

Dietmar Ebert

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