Konzerte & Kooperationen mit Format – Das Orchester der Stadt

Unsere Philharmonie

»Geschichten können Musik nicht erklären. Es kommt darauf an, was Ihr empfindet, wenn Ihr die Musik hört. Der Sinn der Musik liegt in der Musik.«

LEONARD BERNSTEIN

In den 1960er Jahren setzt der große, amerikanische Komponist und Dirigent Leonard Bernstein den ersten Meilenstein des Weges, den man erst später „Musikvermittlung“ nennen wird. Mit den „Young People’s Concerts“ der New Yorker Philharmoniker in der Carnegie Hall beginnt Bernstein eine Reihe, bei der er nicht nur als Dirigent und Drehbuchautor in Erscheinung tritt, sondern vor allem als Entertainer.

Simon Rattle, der von 2002 an am Chefpult der Berliner Philharmoniker steht, geht noch einen Schritt weiter. Sein Tanzprojekt, das international durch den Film „Rhythm Is It!“ bekannt wird, motiviert junge Menschen dazu, sich aktiv an einem künstlerischen Prozess zu beteiligen.

Diese Projekte der Teilhabe und Offenheit sind mit der Idee verbunden, dass es in der Musik etwas gibt, für das man keinen höheren Schulabschluss, ein Abitur oder musikalische Vorerfahrung braucht. Der Grundtenor hinter diesen Projekten ist: Musik verbindet.

Mit der Initiative „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ hat die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien ein Programm gestartet, das auch Orchestern jenseits der berühmten Leuchttürme die Möglichkeit zu ungewöhnlichen Projekten geben soll.

In Jena konnten wir nun bereits eine Spielzeit lang die Früchte dieser Initiative ernten und sowohl exzellenten Solisten in  Sinfoniekonzerten begegnen, als auch innovative und wegweisende Programme starten.

Diese neuen Formate und Angebote werden weiterhin „Vermittlungsaktivitäten“ genannt. Aktivitäten also, die offenbar einen Graben zwischen einer anscheinend schwer zugänglichen Musik und dem Publikum überbrücken, wenn nicht sogar zuschütten sollen. Dabei könnte eine alternative und im Übrigen keinesfalls revolutionäre Frage sein: Was ist, wenn es gar keinen Graben zwischen der Musik und dem Publikum gibt? Was wäre, wenn dieser vermeintliche Graben in Wahrheit mit der Art und Weise unserer Musikrezeption zu tun hat? Vielleicht ist nicht die klassische Musik für das junge Publikum schwer zugänglich, sondern das Format des klassischen Konzertes. Dann müsste der Musikvermittler nicht den Satzaufbau einer Sonate erklären, sondern das Format des Konzertes verändern.

Nun ist das Format des klassischen Konzertes bereits, seitdem wir es kennen, in Bewegung. In der Renaissance begann es, – nicht in schönen Konzertsälen, sondern an der Tafel von Fürsten, oder einfach in Kneipen. Musiziert wurde dabei nur anfänglich nebenher, dann setzte sofort eine Fokussierung auf den Musiker und sein Werk ein. Dieser Konzentration wurde nicht zuletzt dadurch Ausdruck verliehen, dass die Musiker bald auf Musiziertischen saßen – leicht erhöht: Wir nennen diese Musiziertische heute Bühne und beleuchten sie gekonnt, während wir das Publikum eindunkeln.

Der Fokus gehört auch im Volkshaus den Musikerinnen und Musikern der Jenaer Philharmonie. Die eigens dafür eingerichteten Konzerthäuser wurden jedoch meist erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts fertiggestellt. Die Geschichte des Konzertes ist also in Relation zu unserer westlichen Kulturgeschichte ein junges Format, das sich ständig verändert.

»Weil, ein Orchester, müssen Sie sich vorstellen, ist und muss sein ein streng hierarchisch gegliedertes Gebilde und als solches ein Abbild der menschlichen Gesellschaft. Nicht einer bestimmten Gesellschaft, sondern der menschlichen Gesellschaft schlechthin: Über allem schwebt der GMD, der Generalmusikdirektor …«

PATRICK SÜSKIND, »DER KONTRABASS«

Ein Orchester mag grundsätzlich als streng hierarchisch gegliedertes Konstrukt organisiert sein, aber die Ideen einer freiheitlichen Schaffensweise bekommt einen immer größeren Stellenwert für MusikerInnen eines Orchesters. Es ist also viel mehr die Tradition der Veränderung, die wir zu bewahren versuchen sollten, als die Tradition der Tradition.

So entsteht mit jedem neuen Dirigenten, in unserem Fall mit Generalmusikdirektor Simon Gaudenz, auch eine andere Art des Musizierens, die dem einzelnen Musiker eine größere Verantwortung überträgt. Zum Beispiel, wenn es in einzelnen Konzerten gar keinen Dirigenten mehr gibt und der Konzertmeister die Leitung übernimmt.

Ein anderes Beispiel der Veränderung bezieht sich auf das Format PHILHARMONIE@UNI, in dem die Jenaer Philharmonie in die Universität kommt, um Werke zeitgenössischer Komponisten zusammen mit moderierten Gesprächen und Erklärungen in ein abendfüllendes Programm fließen zu lassen. All das konnte man in der vergangenen Spielzeit bereits erleben. Und so schwebt über allem heute eben nicht mehr eine einzelne Person, der Generalmusikdirektor, sondern die Idee, gemeinsam emotionale Musik zu gestalten und diese Emotion an die Zuhörerinnen und Zuhörer weiterzugeben.

»Ich habe nur eine einzige Möglichkeit gefunden, meinen gewaltigen emotionalen Hunger zu stillen: die Musik«

HECTOR BERLIOZ

Wie eine Emotion transportiert wird, ist am Ende weniger eine Frage des Formats sondern viel mehr eine Frage des Moments. In dem einem Moment kann es helfen, still zu sitzen und zuzuhören. Hilfreich kann es aber auch sein, die Musiker, Komponisten und  Dirigenten in ihrer Normalität kennen zu lernen und ihnen begegnen zu dürfen. Zum Beispiel im Format 360°, bei dem die  ZuhörerInnen zwischen den Musikern sitzen und „im Orchester“ die Probenarbeit erleben.

Nicht zuletzt entsteht ein Moment der Emotion aber in einem klassischen Konzert: ohne Moderation, ohne Konzerteinführung, mit einer beleuchteten Bühne und einem abgedunkelten Zuschauerraum.

„Jeder Musiker wird Ihnen gern bestätigen, daß ein Orchester jederzeit auf den Dirigenten verzichten kann, aber nicht auf den Kontrabass“, so lässt es Süskind seinen fiktionalen Kontrabassisten sagen. Wir freuen uns, wenn unser  Publikum dieses Zitat nicht als Meuterei gegen den Dirigenten interpretiert, sondern vielmehr als Aufforderung, mit den Musikern der Jenaer Philharmonie ins Gespräch zu kommen, um herauszufinden, wieviel Wahrheit in diesem Satz steckt.

Oder fragen Sie den Dirigenten gleich selbst! Denn all das wird möglich, wenn man innerhalb der Musikvermittlung vor allem Räume und Gelegenheiten definiert, in denen sich Menschen emotional und musikalisch begegnen. Dazu laden wir Sie ein!