Perspektiven/Passagen

Ein Exzellenzorchester und sein Konzept

Die Thementage der Jenaer Philharmonie

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es aktuell 129 Orchester – das zwar zahlenmäßig bereits reduzierte, aber im weltweiten Vergleich immer noch beeindruckende Erbe einer einmaligen historischen Kulturlandschaft, verwurzelt in der Tradition großer und kleiner Fürstentümer, deren Vertreter sich aus Gründen der Unterhaltung und des Prestiges Orchester und Theater leisteten, erhalten über Jahrhunderte, getragen von einem tief verankerten Bewusstsein um den Wert dieses Kulturgutes. Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft ist nominiert für die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes; und in Deutschland unterstützt die Beauftragte für Kultur und Medien erstmals ausgewählte Orchester: Unter dem Titel „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ wurde ein Förderprogramm entwickelt, das Chancen für innovative Projekte bieten und nachhaltige Impulse geben soll. Die Notwendigkeit für das Förderprogramm wird begründet mit angespannten politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie dem Blick auf demografische, bildungspolitische, gesellschaftliche Veränderungen, denen es sich zu stellen gilt.

Was heißt das also – besonders in einer Zeit boomender Wirtschaft, hoher Steuereinnahmen, florierenden globalen Handels? Sind das jahrhundertealte musikalische Erbe bzw. die damit verbundene Aufführungspraxis mangels Interesse gefährdet? Wollen oder brauchen die Menschen in Zeiten uneingeschränkter medialer Verfügbarkeit keine Live-Musik mehr? Wo doch jedes Kind begeistert ist, wenn etwas „echt und wirklich“ passiert! Wissend um den neidischen Blick außereuropäischer Kulturen auf dieses Erbe, um das große Interesse junger Menschen aus aller Welt, genau diese europäische Musik und diese Orchestertradition vor Ort zu studieren, wundert man sich! Ist es wirklich so, dass sich in Deutschland niemand mehr für das eigene „Alleinstellungsmerkmal“ interessiert?  

Die Branche spricht liebevoll und dankbar vom Silbersee im Konzertsaal und meint die treuen älteren Besucher. Mancherorts staunt man bereits, wenn ein Kind oder Jugendlicher im Publikum gesichtet wird. Und ja: DAS ist erstaunlich! Zwar haben wir ein ausgezeichnetes und differenziertes Bildungssystem, dennoch gibt es Defizite im Bereich der kulturellen Bildung. Deshalb wird gegengesteuert mit Education- Projekten allenthalben, mit Initiativen von Musikern und Musikvermittlern, die jüngeren Generationen mit dem in Kontakt zu bringen, was ihnen selbst so bedeutend und bereichernd erscheint.  

»Neue Perspektiven können neue Konzertorte, Programmabläufe oder auch Programmgestaltungen sein, Crossover-Projekte, moderierte Konzerte für die ganze Familie, Workshops zu scheinbar weit entfernten Themen, alles ist möglich.«

Sind es nur die Smartphones und PCs, die das Leben der jüngeren Menschen verändern? Studien zu deren veränderten Hirnstrukturen gibt es ja bereits. Oder muss man genauer hinschauen und feststellen, dass die Kinder nur das Verhalten ihrer Eltern und Großeltern kopieren, die sich ebenfalls langsam vom Konzertbetrieb als selbstverständlichem Alltagsbaustein verabschiedet haben? Studien dokumentieren solche Veränderungen, Ursachenforschung wird betrieben. Gleichzeitig wissen wir, dass Geschichte eine Folge von Veränderung ist und der aktuelle Konzertbetrieb ein Produkt des späten 19. Jahrhunderts. Er hat seine Berechtigung und ist ein großer Wert. Deshalb erhalten wir ihn! Aber so, wie es inzwischen neue Lebensmodelle und neue Lebensideale gibt, so entwickeln sich auch veränderte Umgangsformen mit der sogenannten klassischen Musik. Als Ergebnis neuer Betrachtungsweisen, neuer PERSPEKTIVEN; diese auszuprobieren bedeutet eine große Chance für die Jenaer Philharmonie! Neue Perspektiven können neue Konzertorte, Programmabläufe oder auch Programmgestaltungen sein, Crossover-Projekte, moderierte Konzerte für die ganze Familie, Workshops zu scheinbar weit entfernten Themen, alles ist möglich.  

Neue Perspektiven ermöglichen neue Betrachtungsweisen, neue Zugänge zur Musik. Umgesetzt in vielen individuellen Projekten. Passend zum Wissenschaftsstandort Jena unter geschützten Laborbedingungen mit experimentierfreudigen Musikern der Philharmonie und ihren Gästen. Was interessiert Physiker an Musik? Was Theologen, Architekten, Pädagogen, Mediziner, Maurer, Maler, Sportler, Historiker und viele mehr? Gibt es Schnittmengen, über die nachzudenken einfach noch kein Anlass war? Verständniserweiternde Erfahrungen, die man ganz ohne musikalische Vorbildung machen kann? Erkenntnisse, die das Hören eines Werkes plötzlich spannend machen? Bilder, die klingen? Musik, die Geschichten erzählt? Sind Musiker „anders“, weil sie ein Leben lang üben? Wenn sich aus den Perspektivwechseln Dialoge und Passagen im Sinne von Übergängen ergeben, wenn sich Synonyme wie Durchlass, Verbindungsweg oder auch Schlupfloch aufdrängen, wenn jemand nach einem Projekt mit der Jenaer Philharmonie plötzlich seinen Durchschlupf zur Musik gefunden hat, zu einem Werk, zu einem Komponisten, dann realisiert sich der Sinn des Konzeptes, für das die Jenaer Philharmonie Fördermittel bekommt. Dann entstehen Impulse, die in jedem Einzelnen etwas zum Schwingen bringen – so wie die Musik, deren Schwingungen und Rhythmus wir so archaisch erleben.  

Apropos Schwingung: Vielleicht schwingt das Pendel in 50 Jahren wieder zurück und niemand sucht mehr Projekte und neue Formate, sondern es geht einfach nur um Musik, wer weiß! 

Fest steht nur, dass nichts feststeht. Auch nicht das von uns so sehr geschätzte Konzertformat.

Zu dem wir Sie genauso herzlich einladen wie zu allen Projekten und Angeboten „drumherum“.

Ihre Juliane Wandel