Der Mahler-Scartazzini-Zyklus

Spielzeit 2022.2023
Der Mahler-Scartazzini-Zyklus wird fortgesetzt.

Weil in der Musik Vieles zählt

Längst erwarten die Musike­rinnen und Musiker der Jenaer Phil­har­monie genauso wie ihr Publikum mit Span­nung die jewei­lige Fort­set­zung des Mahler-Scartazzini-Zyklus, in dessen Rahmen der Schweizer Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini jeder Sinfonie Gustav Mahlers eine eigene Orchester­kompo­sition gegen­über­stellt.

Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: JenaKultur, Christoph Worsch
Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: JenaKultur, Christoph Worsch

Dem Hörer wie dem Inter­preten eröffnet er damit einen Kosmos von Bezügen, Korres­pon­denzen und Asso­zia­tionen, die nicht zuletzt mit Mahlers eigenem Anspruch einher­gehen, mit jeder seiner Sinfo­nien eine „ganze Welt“ zu erschaffen. Eine Welt, die Scartazzini seiner­seits spie­gelt, kommen­tiert und ins Jetzt über­trägt.

Die Fort­set­zung dieser Entde­ckungs­reise, die nicht zuletzt dazu anregt, in (scheinbar) Bekanntem neue inhalt­liche Aspekte, kons­truk­tive Verbin­dungen und tönende Details wahr­zu­nehmen, findet in dieser Spiel­zeit mit Mahlers Sinfo­nien Nr. 6 und 7 statt, denen Scartazzini je ein korres­pon­die­rendes eigenes Werk zur Seite stellt. Über­raschende Brücken­schläge wie auch Momente von Kontrast und Konfron­tation inklusive.

Wer die vierte Episode des Zyklus verpasst hat oder sie erneut erleben möchte, kann im Übrigen Mahlers 4. Sinfonie in Kombi­nation mit Scartazzinis „Incan­tesimo“ im Rahmen von Gast­spielen der Jenaer Phil­har­monie am 22. April in Worms und/oder am 23. April 2023 in Mühl­heim an der Ruhr hören.


Welche Rolle spielen Zahlen im Kompo­si­ti­ons­prozess? Passend zum Spiel­zeit­motto „ZahlenSpiele“ gewährt uns Andrea Lorenzo Scartazzini Einblicke in seine Arbeit:

Nicht selten werde ich gefragt, ob ich beim Kompo­nieren rechne, zähle oder mathe­matisch denke …

Weil Musik auf zeitlichen Abläufen basiert und die Zusammen­klänge im Orchester genaues­tens abge­stimmt sein müssen, ist die Organi­sation der Partitur ohne rechne­rische Syste­matik natür­lich undenkbar: Tempo­angaben, Takt­arten, rhyth­mische Verhält­nisse, Dauern, Ton­höhen – all das ist durch­drungen von der ord­nenden Kraft der Zahlen. Beim Kompo­nieren sind sie stän­dige Begleiter: Soll ein Akkord drei-, vier- oder fünf­stimmig sein? In wie viele Teile (Pulte) muss ich die Streicher für einen beson­ders viel­stim­migen Klang teilen, sind Doppel­griffe dazu nötig? In welcher Relation stehen die gewählten Tempi zueinander? Solche und andere Fragen bringen ständig Zahlen ins Spiel; sie sind Teil des Entste­hungs­pro­zesses eines Stücks. Math­ematik im eigen­tli­chen Sinne ist das aber natür­lich nicht.

In früheren Stücken habe ich zuweilen zögerlich mit der Fibo­nacci-Folge [1] experi­men­tiert; auch Experi­mente mit „Goldener Schnitt“-Propor­tionen [2] gab es, doch mittler­weile stelle ich ein solches Vorgehen bei mir persönlich in Frage. Ich bin mir nicht sicher, ob Musik dadurch besser wird oder mehr zu uns spricht, weil sie solcherart organi­siert ist. Natürlich klingt ein Verweis auf propor­tio­nale oder algorith­mische Konzepte erst mal beein­druckend, weil dies als Güte­siegel für die Qualität einer Kompo­sition herhalten kann. Dass es zu einem inten­si­veren Hör­er­lebnis führt, konnte ich aller­dings nicht immer fest­stellen.

Es gibt aber auch eine Stim­migkeit auf anderer Ebene, nämlich dann, wenn sich aus dem Kompo­si­tions­prozess heraus auf ganz natürliche Art eigene Verhält­nisse ausbilden. Wenn Teile sich fügen, Symme­trien oder Entspre­chungen aus sich heraus entstehen, ohne dass sie dem Stück als struk­tur­bil­dende Maßnahme vorweg aufge­pfropft werden.

Es mag rätsel­haft klingen, aber im besten Fall erschafft sich eine Musik ihre eigene Gestalt wie ein Organis­mus, und als Kom­ponist fühlt man sich in solchen Momenten eher in der Rolle eines Beob­ach­ters statt eines Schöp­fers, der beständig willen­tliche Entschei­dungen trifft. Man sieht dem Stück, das man schreibt, sozu­sagen beim Wachsen zu.

Viel­leicht ist das der berühmte Musen­kuss, auf den man stets hofft und der die Arbeit des Zählens und Vermes­sens erst beseelt.

[1] Die unend­liche Folge natür­licher Zahlen, die mit zweimal der Zahl 1 beginnt und in der im Anschluss jeweils die Summe zweier aufein­an­der­folgender Zahlen die danach folgende Zahl ergibt.

[2] Der Goldene Schnitt ist eine seit der Antike bekannte Gestal­tungs­regel und bezeichnet das Teilungs­ver­hältnis zweier Größen/Abschnitte zueinander. Diese Teilung gilt als ausge­wo­genes Leitmaß und wird vom Menschen als beson­ders harmo­nisch empfunden.


Das Mahler-Scartazzini-Projekt wurde von der Beauf­tragten der Bundes­regie­rung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deut­schen Bundes­tages sowie von der Schweizer Kultur­stif­tung Pro Helvetia gefördert. Es entsteht in enger Zusam­men­arbeit mit der Inter­na­tio­nalen Gustav Mahler Gesell­schaft. Die Urauf­führungen Scartazzinis zu den ersten beiden Mahler-Sinfo­nien waren gemein­same Kompo­si­tions­aufträge der Jenaer Phil­har­monie und des Berner Sympho­nie­or­ches­ters sowie des Sinfo­nie­orches­ters Basel. Scartazzinis Werk zu Mahlers dritter Sinfonie wurde gemeinsam mit der Neubran­den­burger Phil­har­monie, sein Werk zur vierten Sinfonie zusammen mit der Phil­har­monie Süd­west­falen in Auftrag gegeben. Die Werke von Andrea Lorenzo Scartazzini erscheinen im Bären­reiter-Verlag.

Konzerte im Mahler-Scartazzini-Zyklus

· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal

Werke von COMPOSER IN RESIDENCE Andrea Lorenzo Scartazzini und Gustav Mahler Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung

· Das Wormser Theater

Werke von Richard Strauss, Karl Weigl, Andrea Lorenzo Scartazzini und Gustav Mahler Lina Johnson, Sopran / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung

· Stadthalle

Werke von Richard Strauss, Karl Weigl, Andrea Lorenzo Scartazzini und Gustav Mahler Lina Johnson, Sopran / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung

· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal

Werke von COMPOSER IN RESIDENCE Andrea Lorenzo Scartazzini und Gustav Mahler Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung

Spielzeit 2021.2022
Der Mahler-Scartazzini-Zyklus wird fortgesetzt.

Die Musik braucht ein Ohr

Der Komponist Andrea Lorenzo Scartazzini ist der Jenaer Philharmonie inzwischen eng verbunden. Seit dem Start des vielbeachteten Zyklus mit allen Mahler-Sinfonien, zu denen Scartazzini jeweils ein neues, assoziiertes Orchesterwerk schreibt, wächst die intensive Beziehung zu den Musikerinnen und Musikern des Orchesters, die mit ihm gemeinsam auf die Entdeckungsreise in den immer vertrauter werdenden Mahler-Scartazzini-Kosmos gehen. In dieser Saison stehen, nachdem sie schon für die letzte Spielzeit geplant waren, die Uraufführungen seiner Werke zu Mahlers vierter und fünfter Sinfonie bevor.

Scartazzini hat uns einige Gedanken über Einsamkeit und Gemeinschaftserlebnisse in seinem Metier geschrieben:

Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker
Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker

Ich setze mich hin, blende den Alltag aus, werde leer, warte, bis sich ein Gedanke regt. Ich spinne ihn weiter, fühle, male mir aus, höre in mich hinein, lasse mich treiben, wäge ab, beginne von vorne und irgendwann setze ich den Stift aufs Papier. So entsteht die Musik, Note für Note, Takt für Takt.

Und immer bin ich mit mir allein. Das ist schwer, wenn die Ideen stocken und die Zeit kaum vergeht. Und es ist schön und beglückend, wenn aus der Stille des Alleinseins schließlich eine tönende Fülle erwächst.

Im Zusammenhang mit dem Jenaer Mahler-Scartazzini-Zyklus erlebe ich diesen kreativen Prozess auf eine besondere Art und Weise anders. Da bin ich weniger allein, denn ich habe mit Gustav Mahler und seinen Werken ein Gegenüber, das auch über die Distanz von mehr als hundert Jahren zu mir spricht. Der Ausgangspunkt für ein neues Stück von mir ist stets eine seiner Sinfonien: Ihre Gedankenwelt, ihr Bau, ein bestimmter Satz; all das sind Impulse, die mich zuletzt zu meinem eigenen Musikstück führen.

So hat mich seine Vierte, die mit dem Wunderhorn-Lied „Das himmlische Leben“ endet, dazu bewogen, auch ein Orchesterlied zu schreiben, eine Vertonung von Joseph von Eichendorffs „Abendständchen“. Und wie Mahler durch Anklänge an Kinderlieder und durch das Bild des Schlaraffenlandes eine Art vermeintliche Naivität erschafft, taucht auch „mein“ schlichtes Abendständchen in eine weit entrückte Sehnsuchtswelt ein.

Je näher eine Aufführung rückt, umso mehr wird aus dem „Allein“ auch ganz konkret ein „Zusammen“. Die Gespräche mit GMD Simon Gaudenz intensivieren sich, wir tauschen uns telefonisch über den allgemeinen Charakter der neuen Komposition aus, wir diskutieren Klangfarben, Klippen, Besonderheiten und Details.

Dann kommt der Moment der Probe. Jena statt Basel, der üppig schöne Saal des Volkshauses statt meines Arbeitszimmers, Simon Gaudenz, die Jenaer Philharmonie – man findet zusammen und endlich erklingt das still Erdachte zum ersten Mal. Es ist vielleicht einer der faszinierendsten und auch aufregendsten Aspekte des Komponisten-Berufs, diesen Übergang zu erleben: Dass sich der „Fliegendreck“ der Noten, dieses eng bedruckte Gittersystem der Partitur, durch ein Kollektiv von Musikerinnen und Musikern in ein unsichtbares, vergängliches, mal donnernd lautes, mal ätherisch feines Klang-Gewebe verwandelt; dass abstrakte Anweisungen aus Punkten, Strichen und Linien ein Orchester interagieren lassen wie eine komplexe Hochleistungsmaschine, präzise, sekundenbruchteilgenau und zugleich atmend und beseelt wie ein Lebewesen.

Im vielfältigen Zusammenspiel der Instrumente, im Wechsel von Solo zu Tutti offenbart sich, wie sehr „allein“ und „zusammen“ sich gegenseitig bedingen. Aber erst im Konzert, erst im Gemeinschaftserlebnis der Aufführung erfahren alle diese Anstrengungen ihren höheren Sinn. Die Musik braucht das Ohr, ohne das sie ein Zeichen wäre, (be)deutungslos.


Das Mahler-Scartazzini-Projekt wird von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia gefördert. Es entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft. Die Uraufführungen Scartazzinis zu den ersten beiden Mahler-Sinfonien waren gemeinsame Kompositionsaufträge der Jenaer Philharmonie und des Berner Symphonieorchesters sowie des Sinfonieorchesters Basel. Scartazzinis Werk zu Mahlers dritter Sinfonie wurde gemeinsam mit der Neubrandenburger Philharmonie, sein Werk zur vierten Sinfonie zusammen mit der Philharmonie Südwestfalen in Auftrag gegeben. Die Werke von Andrea Scartazzini erscheinen im Bärenreiter-Verlag.

Spielzeit 2019.2020
Der Mahler-Scartazzini-Zyklus wird fortgesetzt.

Eine neue Welt aufbauen

In der Spielzeit 2019.2020 ! vokal ! erklingen die dritte und vierte Sinfonie Mahlers, zu denen der COMPOSER IN RESIDENCE, Andrea Lorenzo Scartazzini, weitere, ergänzende Werke komponieren wird.

Der Zyklus findet nicht nur in Jena sondern auch in der internationalen Musikszene großes Interesse, die Zahl der Anfragen für Gastspiele der Jenaer Philharmonie mit ihren Mahler-Scartazzini-Programmen wächst stetig. Einer der Höhepunkte der kommenden Spielzeit ist sicher die Einladung zu den Gustav-Mahler-Festwochen Toblach, wo die Jenaer Philharmonie am 18. Juli 2020 mit Mahlers erster Sinfonie und Scartazzinis „Torso“ zu Gast sein wird.

Die Korrespondenz zwischen Andrea Scartazzini und Generalmusikdirektor Simon Gaudenz gibt einen Einblick in den Arbeitsprozess und dokumentiert den Entstehungsprozess dieser Kompositionen, die – um es mit Mahlers eigenen Worte zu sagen – versuchen, „mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine neue Welt aufzubauen“.

27. Januar 2019, 20:17 Uhr

Lieber Simon

Wie du weißt, konnte ich das Stück zur zweiten Mahler-Sinfonie bereits vor Weihnachten abschließen. Es hat allerdings etwas gedauert, bis ich gestern mit der Reinschrift fertig geworden bin, aber nun ist sie da!
    Morgen gehe ich zum Copy-Shop, scanne das Manuskript und schicke es dem Bärenreiter-Verlag zur Digitalisierung. Selbstverständlich werde ich die Scans für einen ersten Eindruck auch dir per Wetransfer weiterleiten.
    Vorab schon einmal ein paar Hinweise: Das Stück beginnt nicht bei Null, sondern es setzt gleichsam auf dem Höhepunkt des Vorgängerstücks „Torso“ ein. Die letzten paar ruhigen Takte von „Torso“ mit dem Übergang zu Mahler 1 fallen weg, so dass es im Moment des größten Energieschubs direkt weitergeht und die Kraft, die sich in der langen Steigerung von „Torso“ aufgebaut hat, nun vollends entfaltet wird.
    Der Name diese zweiten Stücks des Zyklus heißt übrigens „Epitaph“, also das griechische Wort für „Grabinschrift“. Dies als Bezugnahme auf Mahlers „Auferstehungssinfonie“ und vor allem auf deren 1. Satz, den Mahler ja selbst als „Todtenfeier“ bezeichnet hat.
    Am Schluss der Komposition gibts eine Überraschung. Rate mal, welche? (Du selbst hast mich drauf gebracht).

Herzlich
Andrea

Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker
Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker

 

 

 

»Aber Symphonie heißt mir eben:
mit allen Mitteln der vorhandenen Technik
eine Welt aufbauen.«

GUSTAV MAHLER

 

28. Januar 2019, 09:23 Uhr

Lieber Andrea,

Ich weiß, worauf Du anspielst ...! Nachdem Du Dich in TORSO von meinem Wunsch nach Fernmusik inspirieren ließest, hast Du nun wahrscheinlich tatsächlich den Chor eingesetzt? Mahler selbst wollte doch „mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen“, und nun nutzt Du sie auch. Wunderbar!
    Finden sich wieder solistische Besonderheiten wie die Trompeten im ersten Stück? Mittlerweile hast Du ja einen genauen Eindruck vom Orchester und seinen MusikerInnen, diese Erfahrung wird wahrscheinlich einen Einfluss auf die Klangvorstellung Deiner zukünftigen Werke ausüben. Spielt auch der Saal des Volkshauses mit seiner Atmosphäre und Akustik eine Rolle? Bin gespannt!

Liebe Grüße,
Dein Simon

1. Februar 2019, 14:45 Uhr

Lieber Simon

Du hast’s erraten. Kurz vor dem Ende des Stücks, am Übergang zu Mahler, setzt der Chor ein. Bezüglich Text bin ich wieder bei Rilke fündig geworden, der mir ja schon einen wichtigen Anstoß für „Torso“ gegeben hat. Es sind knappe Verse, die inhaltlich aber ausgezeichnet zur zweiten Sinfonie von Mahler passen. Und in seiner Kürze hat das Gedicht etwas von einer (Grab-)Inschrift, weshalb ich den Titel „Epitaph“ gewählt habe.

Das Gedicht lautet:

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

Schön, nicht wahr?! Und gleichzeitig ist es auch unheimlich. Jedenfalls bin ich ganz glücklich, es gefunden zu haben.

Simon Gaudenz und Andrea Lorenzo Scartazzini, Foto: Lucia Hunziker
Simon Gaudenz und Andrea Lorenzo Scartazzini, Foto: Lucia Hunziker

Was deine Frage nach solistischen Besonderheiten angeht: Ja, es gibt ein längeres Cello-Solo, das dann in die Chorstelle mündet. Das Solo ist von aufbegehrendem Charakter, als wehrte es sich gegen die Unabänderlichkeit des Todes, bis es schließlich resigniert. Das Solo zu schreiben war mir wichtig. Ich denke, es ist mit seinen vielen weit gespannten Doppelgriffen anspruchsvoll zu spielen, fast eine Art Abmühen am Instrument, so wie sich der einzelne Mensch auch an diesen großen Fragen abmüht.
    Was denkst du, soll ich es, bevor es gedruckt wird, eurer Solo-Cellistin vorlegen, damit sie es mal durchgehen und allenfalls Änderungen vorschlagen kann?
    Den Saal und die Akustik habe ich sehr geschätzt, es ist ein prächtiger und festlicher Saal, und es ist schön zu wissen, dass die Stücke dort gespielt werden. Allerdings habe ich diesmal keine Raum-Musik konzipiert. Und was das Orchester angeht: Wie du weißt, hatte ich einen sehr positiven Eindruck, und das motiviert mich natürlich. Je besser ich die MusikerInnen kennenlerne, umso konkreter wird der Einfluss auf die Klangvorstellung werden.

Hab einen schönen Tag, herzlich!
Dein Andrea

 

 

»Den Saal und die Akustik des Volkshauses habe ich sehr geschätzt, es ist ein prächtiger und festlicher Saal, und es ist schön zu wissen, dass die Stücke dort gespielt werden.«

ANDREA LORENZO SCARTAZZINI

 

Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker
Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker

4. Februar 2019, 21:02 Uhr

Lieber Andrea,

In direktem Kontakt mit dem Komponisten zu stehen, wird mit Sicherheit geschätzt. Ich finde auch schön, dass Du Dich persönlich mit unseren Musikern beschäftigst, nicht nur mit den Instrumenten. Also schreibe Henriette Lätsch am besten gleich persönlich an, sie wird sich freuen.
    Übrigens, wieder ein schönes Gedicht und daraus folgend eine Frage, die gerade in mir auftaucht: wie manifestiert sich konkret, dass Dir so ein Gedicht Inspiration für die Komposition gibt? Lässt sich das beschreiben?

Herzlich,
Dein Simon

4. Februar 2019, 22:37 Uhr

Lieber Simon

In diesem Fall war mir schon klar, wie die Musik klingen soll. Ich habe also kein Gedicht gesucht, um mich davon inspirieren zu lassen, sondern einen Text, der das (mit)ausdrückt, was in der Musik angelegt ist. Und schliesslich bin ich dann auf diese drei Rilke-Verse gestoßen, welche so lapidar die hintergründige Präsenz des Todes in allem Leben evozieren.
    Manchmal funktioniert es natürlich aber auch umgekehrt: Da wird dir ein Text zu einem Gegenüber, das dich führt und Anstöße gibt. Und das Musik in dir ausl.st, die du so sonst nicht schreiben würdest.

Liebe Grüße und gute Nacht!
Dein Andrea

Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker
Andrea Lorenzo Scartazzini und Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker

 

 

 

»Das Beste in der Musik steht nicht
in den Noten.«

GUSTAV MAHLER

 

11. Februar 2019, 12:49 Uhr

Lass uns vor dem Hintergrund Deiner Antwort einen Blick in die Zukunft werfen, lieber Andrea:

Wird auch in den nächsten Werken das Wort einen – wie auch immer definierten – Anteil haben? Die kommenden Mahler-Sinfonien würden sich mit ihrem vokalen Schwerpunkt ja geradezu dafür anbieten.
    Wobei, unserem Publikum wird sich die Musik auch ohne den Text erschließen, denn es gilt ohnehin: „Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten“ (Mahler).
    Du wirst in Jena nun mehr und mehr ein Komponist zum Anfassen! Die Menschen hören Deine Musik immer und immer wieder, und so entwickelt sich eine Vertrautheit. Mir ist dieser Bezug sehr wichtig, und ich bin Dir für jeden Anstoß dankbar, der mich und unser Orchester, Dich und Deine Musik noch enger mit den Jenaern und Jenensern, für die wir ja musizieren, verbindet.

Alles Liebe, Simon

13. Februar 2019, 18:05 Uhr

Lieber Simon

Es läge tatsächlich nah, im dritten und vierten Stück das Vokale einzubeziehen, weil Mahler es auch einsetzt. Allerdings habe ich den Ablauf dieser Stücke vorerst ohne Singstimme oder Chor geplant. Lass mich mal weitergrübeln und schauen, ob die weitere Entwicklung doch plötzlich danach verlangt.
    Ja, die Verbindung zum Jenaer Publikum wird mit jedem Anlass stärker werden und auch die Möglichkeit geben, sich kennenzulernen und auszutauschen. Ich freue mich drauf!

Herzlich, Andrea

Simon Gaudenz und Andrea Lorenzo Scartazzini, Foto: Lucia Hunziker
Simon Gaudenz und Andrea Lorenzo Scartazzini, Foto: Lucia Hunziker

Der Mahler-Scartazzini-Projekt wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags und der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia gefördert.

Es entsteht in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft.

Die Uraufführungen Scartazzinis zu den ersten beiden Mahler-Sinfonien waren gemeinsame Kompositionsaufträge der Jenaer Philharmonie und des Berner Symphonieorchesters sowie des Sinfonieorchesters Basel. Scartazzinis Werk zu Mahlers dritter Sinfonie ist nun gemeinsam mit der Neubrandenburger Philharmonie, sein Werk zur vierten Sinfonie zusammen mit der Philharmonie Südwestfalen in Auftrag gegeben worden.

Die Werke von Andrea Scartazzini erscheinen im Bärenreiter-Verlag.

Spielzeit 2018.2019
Ein Mahler-Scartazzini-Zyklus

»Wir wollen etwas schaffen, das bleibt.«

Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker
Simon Gaudenz, Foto: Lucia Hunziker

 
Simon Gaudenz, neuer Generalmusikdirektor der Jenaer Philharmonie, kündigte mit diesen Worten das großartige Projekt an, Sinfonien Gustav Mahlers mit eigens für die Jenaer Philharmonie geschaffenen Arbeiten des international renommierten Schweizer Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini zu kombinieren.

Damit beginnt der Auftakt von Simon Gaudenz in Jena mit einem Paukenschlag. Denn Scartazzini wird als Composer in Residence exklusiv den ganzen Zyklus begleiten und neue Stücke komponieren, die sich thematisch auf Mahler beziehen. Dadurch werden Mahlers Werke in neuem Licht erscheinen und durch unendlich viele neue Facetten bereichert.

 
Gustav Mahler und Andrea Lorenzo Scartazzini verbindet ihre emotionale Tonsprache, obgleich sie über 100 Jahre an Lebenszeit trennen. Mahler, 1860 in Böhmen geboren, ist einer der bedeutendsten Komponisten der Spätromantik. Seine Werke waren wegweisend für die Vertreter der Zweiten Wiener Schule und Wegbereiter der Neuen Musik.

Mahler war auf der Suche nach der Erweiterung der musikalischen Ausdrucksmittel. Er brach die traditionelle Form der Sinfonie auf und schuf groß angelegte Werke, in denen er die Tonsprache erweiterte, ohne auf die Tonalität zu verzichten. Er bezog damals als niedere Kunst geltende Weisen wie Kaffeehauslieder und slawische Volksmusik ebenso in seine Kompositionen ein wie militärische Marschmusiken und Trauermärsche. In stilisierten Naturlauten spiegelt sich Mahlers große Liebe zur Natur wider, aus der er viel Kraft und Inspiration schöpfte. Ein Volksliedton prägt viele seiner Themen. Mahler wollte nicht nur Musik schaffen, sondern den ganzen Kosmos gestalten. Oder wie er es mit seinen eigenen Worten ausdrückte: „Symphonie heißt mir eben: mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufbauen.“ Zu seinen Lebzeiten war Mahler einer der berühmtesten Dirigenten, und in Personalunion als Regisseur und Dirigent setzte er in seiner langjährigen Stellung als Direktor der Hofoper in Wien erstmals so etwas wie ein modernes Regietheater um.

Eine eigene Oper hat Gustav Mahler nicht geschrieben, wohingegen dieses Genre den bisherigen Schwerpunkt des kompositorischen Schaffens von Andrea Lorenzo Scartazzini bildet.

Gustav Mahler, Foto: Moritz Nähr
Gustav Mahler, Foto: Moritz Nähr
Andrea Lorenzo Scartazzini, Foto: Janis Huber
Andrea Lorenzo Scartazzini, Foto: Janis Huber

 
Scartazzini, geboren 1971 in Basel, ist ein mehrfach ausgezeichneter Komponist der jüngeren Generation. Zu seinen Preisen zählen der Studienpreis der Ernst von Siemens Stiftung München, der Jacob- Burckhardt-Preis der Goethe- Stiftung Basel sowie der Alexander Clavel-Preis Riehen.

Seine Stücke werden an bedeutenden Festivals (u. a. Salzburger Osterfestspiele, Lucerne Festival, Internationale Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt, Prager Premieren), an renommierten Häusern (Deutsche Oper Berlin, Theater Basel) durch namhafte Ensembles und Orchester aufgeführt (u. a. Ensemble Intercontemporain, Collegium Novum Zürich, Kammerorchester Basel).

Die Tonsprache Andrea Lorenzo Scartazzinis und Gustav Mahlers ist sehr farbig, bildgewaltig, sinnlich, dicht, unmittelbar, von aufwühlender Emotionalität. Beide schätzen das Gesangliche in der Musik und inkorporieren es immer wieder in unterschiedlichster Art und Weise in ihre Kompositionen – beste Voraussetzungen für die drei Jenaer Sängerensembles. Scartazzini ist ein kongenialer Partner, um mit Mahlers dramatischer, vielschichtiger Musik heute in Kontakt zu treten.

Die Kompositionen, die Andrea Lorenzo Scartazzini für Jena schreiben wird, beziehen sich auf die aufgeführten Sinfonien Gustav Mahlers und werden an den jeweiligen Konzertabenden von der Philharmonie Jena uraufgeführt. Gleichzeitig sind Scartazzinis Kompositionen eigenständige Werke, die unabhängig vonden Mahlerschen Kompositionen aufgeführt werden können. Mit jeder Aufführung einer Sinfonie von Mahler wächst Scartazzinis Werk, bis daraus ein einziges groß angelegtes Orchesterstück entsteht. Alle Kompositionen zusammen können zukünftig entweder als eigenständiges, zusammenhängendes, mehrsätziges Werk aufgeführt werden oder in kleineren Versatzstücken. Damit trägt Scartazzini der Jetztzeit, der Modernität Rechnung, die vom Menschen größte Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an sich stetig verändernde Situationen fordert.

 
Andrea Lorenzo Scartazzini äußerte sich zu seiner Kompositionsweise wie folgt:

Zum Werk Gustav Mahlers hege ich eine tiefe Liebe, seine Symphonien sind tönende Gefährten seit vielen Jahren und bei jedem Wiederhören bin ich ergriffen von der schieren Fülle an Inspiration und Emotionalität. Ich werde mich an diesem Kosmos nicht abarbeiten, werde nichts zitieren oder kommentieren, wozu auch! Aber ich werde mit Lust auf die illustre Nachbarschaft reagieren, mich abgrenzen oder annähern im Sinne einer übergeordneten Dramaturgie. So soll beides gelingen: das Eigene schaffen und die Brücke schlagen.

 

 

»Tradition ist Bewahrung des Feuers
und nicht Anbetung der Asche.«

GUSTAV MAHLER

 

Der Mahler-Scartazzini-Zyklus endet nicht bei der einmaligen Idee, Sinfonien Mahlers ein modernes Pendant mit neuen Werken von Scartazzini gegenüberzustellen. Nein, dieses Projekt setzt sich in Workshops, Treffen mit dem Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini und dem neuen Generalmusikdirektor Simon Gaudenz, in Podiumsdiskussionen, mit Besuchen bei Schülern in der Schule und vielen weiteren Aktionen fort.

Nehmen auch Sie an diesem einzigartigen Projekt teil! Wir freuen uns auf Sie.


Das Mahler-Scartazzini-Projekt wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages sowie von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia gefördert.

Zu den Kooperationspartnern zählen u. a. die Internationale Gustav Mahler Gesellschaft Wien und der Bärenreiter-Verlag Kassel.