Donnerstagskonzert № 3 »Jenseits der Zeit«
Im Interview der Bassist Andreas Bauer Kanabas
Dietmar Ebert: Was bedeutet es für Sie, in Jena, dem Ort Ihrer Kindheit und Jugend, aufzutreten?
Andreas Bauer Kanabas: Ich bin in Jena aufgewachsen. Meine Mutter unterrichtete an der damaligen Volkskunst-, der heutigen Musik- und Kunstschule. Mein Vater war Mathematiker. Meine Großeltern stammten aus Böhmen und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Sie waren katholisch und liebten das Musikantische, das Sinnliche der böhmischen Musik. Ich habe in der Kinder- und Jugendschola der katholischen Pfarrei St. Johann Baptist gesungen und später auch im Erwachsenenchor. Er wurde damals von Kirchenmusikdirektor Detlef Regel geleitet, dem ich viel zu verdanken habe. Später habe ich in der Singakademie Jena unter Siegfried Nordmann und im Gospelchor „Jena Jubilee Singers“ unter Norbert Kleekamp als Chorist und Solist mitgewirkt. 2010 habe ich in der „Hofoper“ unter Sebastian Krahnert Bartóks Herzog Blaubart gesungen.
In meiner Heimatstadt aufzutreten ist für mich immer etwas Besonderes. Es ist anders, als vor einem unbekannten Publikum zu singen. Wenn ich weiß, dass meine Freunde, Verwandten und Bekannten im Publikum sitzen, fühlt es sich schwieriger an als sonst. Das ist für mich eine große Herausforderung, aber auch eine ganz spezielle Freude.
Dietmar Ebert: Was waren die bisherigen Höhepunkte Ihrer sängerischen Laufbahn?
Andreas Bauer Kanabas: Seit 2013 bin ich festes Ensemblemitglied der Oper Frankfurt a. M., die mehrfach von der Zeitschrift „Opernwelt“ als „Opernhaus des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Dort durfte ich mir die großen Partien des italienischen, des slawischen und des deutschen Fachs erarbeiten.
Zu den bisherigen Höhepunkten meiner Laufbahn gehörten die Basspartie im Mozart-Requiem 2016 an der Mailänder Scala, der Wassermann in Dvořáks „Rusalka“ am Teatro Real in Madrid 2020 und der König Heinrich im „Lohengrin“, den ich 2025 unter Christian Thielemann bei den Bayreuther Festspielen verkörpert habe. In der vergangenen Woche habe ich mit großem Erfolg den Gurnemanz in Wagners „Parsifal“ am Royal Opera House in London gesungen, und im Februar/März 2027 werde ich als Baron Ochs im „Rosenkavalier“ an der Dresdner Semperoper gastieren.
Dietmar Ebert: Herr Bauer Kanabas, Sie gelten zurzeit als einer der besten Bassisten im Verdi- und Wagnerfach. Die exakte Bezeichnung dafür lautet „Basso cantante“. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Andreas Bauer Kanabas: Durch Studien in Italien und durch die Gestaltung der großen Verdi-Partien habe ich mir eine Legato-Kultur aneignen können, die ich auch auf Wagner-Partien anwende. Mein Gesangsideal war immer der volle strömende Klang. Dass meine Textverständlichkeit oft hervorgehoben wurde, ist für mich ein schöner Nebeneffekt.
Dietmar Ebert: Sie werden im Konzert der Jenaer Philharmonie am 29. Oktober 2026 Mussorgskis „Lieder und Tänze des Todes“ in der Orchesterfassung von Schostakowitsch singen. Was ist für Sie das Besondere an diesen Liedern?
Andreas Bauer Kanabas: Auch wenn Mussorgskis Liederzyklus hierzulande nicht so geläufig ist, so gehört er doch im russischsprachigen Raum zum Standardrepertoire. Mussorgski stellt den Tod sehr plastisch und drastisch dar. Im ersten Lied „Trepak“ erscheint er in Gestalt eines Schneesturms, der einen betrunkenen Mann zu sich holt, im „Wiegenlied“ tritt er als Amme auf, die das Kind besser in den Schlaf zu wiegen scheint als die eigene Mutter; im „Ständchen“ kommt er als Liebhaber in der Nacht, und im letzten Lied „Der Feldherr“ geht er als „wahrer“ Sieger über das Schlachtfeld und stampft die Toten in den Boden, auf dass sich niemand mehr an sie erinnern möge … Ich möchte den Tod, der im Russischen weiblich ist, als gleichermaßen barmherzig und grausam, auf jeden Fall als „groß“, unerbittlich und mit Grandezza darstellen. Mussorgskis Liederzyklus wird in der Orchesterversion von Schostakowitsch ein beeindruckendes musikalisches Erlebnis sein.
Dietmar Ebert: Ich danke Ihnen sehr für das interessante Gespräch und wünsche Ihnen viele erfolgreiche Opernabende an Ihrem Frankfurter Stammhaus und als Gast in Dresden, Bayreuth und London, zunächst aber toi, toi, toi für Ihren Auftritt im Konzert der Jenaer Philharmonie am kommenden Donnerstag.


