Stadtteilkonzert Lobeda № 1
Streichquartette von Joseph Haydn und Antonín Dvořák
Weronika Tadzik, Violine / Christoph Hilpert, Violine / Karina Suslov-Götz, Viola / Alexander Wegelin, Violoncello
Unter dem Schwerpunkt „Planet Dvořák“ bietet die Jenaer Philharmonie in der Spielzeit 2026.2027 eine bemerkenswerte Vielfalt. Neben unbestrittenen Highlights aus Antonín Dvořáks umfangreichem Schaffen erklingen auch viele unbekanntere Werke des tschechischen Komponisten. Neugier und Abenteuerlust prägen die Werkauswahl. Der Verlauf der Saison wird für das Konzertpublikum zu einer spannenden Expedition durch einen faszinierenden Kosmos, immer der Bahn des Planeten Dvořák folgend.
Auf dem Flug durch dieses musikalische Universum werden zudem viele andere Himmelskörper besucht: Komponisten, von denen Dvořák selbst inspiriert wurde, und andere, deren Schaffen er maßgeblich beeinflusste. Die Berührungspunkte der unterschiedlichen Flugbahnen, also die Kombinationen der jeweiligen Werke in einem Programm, lassen eine Fülle von neuen Bedeutungsebenen, Assoziationen und emotionalen Wirkungen entstehen: einen sehr besonderen Weltraum.
Diese in Jena praktizierte „Kunst des Konzertprogramms“ ist ein wesentlicher Grund für den Reichtum an Eindrücken, den die Zuhörerinnen und Zuhörer aus den Konzerten der Philharmonie mitnehmen können. Offensichtlich gibt es eine unbändige Lust von Simon Gaudenz und seinem Orchester, an interessanten und inhaltsreichen Programmen zu feilen und jedes einzelne Konzert zu einem Erlebnis werden zu lassen.
Im Frühjahr 2026 führte der Regisseur, Dramaturg, Autor und Kulturmanager Prof. Michael Dissmeier ein ausführliches Interview mit Generalmusikdirektor Simon Gaudenz, das im Folgenden in Auszügen wiedergegeben ist. Das vollständige Gespräch über den Spielzeitschwerpunkt „Planet Dvořák“ und weitere Highlights der Saison finden Sie im Saisonbuch auf den Seiten 8 bis 17.
Unmittelbar sinnlich
Michael Dissmeier: Lieber Simon Gaudenz, worin besteht die Kunst, ein Programm zu bauen?
Simon Gaudenz: Zuerst denke ich an das unmittelbare, sinnliche Erleben unserer Zuhörerinnen und Zuhörer. Ich bin mir sicher, dass ein Stück, je nachdem, was man zuvor gehört hat, anders empfunden wird. Im Idealfall erfährt das Publikum allein schon durch die geschickt gewählte Zusammenstellung der Werke eine Überraschung und eine Art „Aha“-Effekt. Ich mag es, Gedanken in der Art zu provozieren wie: „So habe ich das ja noch nie gehört!“ Deswegen lasse ich immer wieder einmal verschiedene Stücke direkt ineinander übergehen. [...] Es geht mir darum, dass ein Werk im Licht eines anderen Werkes neue emotionale Facetten freigibt, die man nicht erleben würde, würde das Werk für sich allein stehen.
Natur und Zerstörung von Natur
Michael Dissmeier: Das erste Konzert unter dem Schwerpunkt „Planet Dvořák“ präsentiert interessanterweise drei kürzere Werke des Komponisten. In Bezug dazu stehen Mozarts Klarinettenkonzert, mit dem sich gleichzeitig Daniel Ottensamer als Artist in Residence dieser Saison vorstellt, und ein modernes Werk von Wolfgang Rihm.
Simon Gaudenz: Im Auftaktkonzert möchte ich die enorme Weite des Kosmos abbilden, in dem der Planet Dvořák unterwegs ist. Die von uns programmierten großen Werke, die Achte Sinfonie und das Cellokonzert, folgen dann später in der Saison. Gerade in Dvořáks so detailreichen Miniaturen gibt es Großartiges zu entdecken.
Michael Dissmeier: Was programmatisch auffällt, ist die direkte Kombination von Dvořáks „Notturno“ mit Rihms „Nature Morte – Still Alive“.
Simon Gaudenz: Das „Notturno“ klingt wie ein nächtliches Wiegenlied, wie der ruhige Tanz einer Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm. Es hat eine berührende Schlichtheit. Natur und Mensch sind in dieser friedlichen Nacht miteinander im Reinen. In dieses intime Idyll platzen Schroffheit und Brutalität von Rihms „Nature Morte“, – der Titel des Werks bedeutet sowohl „Stillleben“ als auch „tote Natur“. Ich möchte davon erzählen, dass wir gerade dabei sind, als Menschheit unsere eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören.
Michael Dissmeier: Also ein wunderbar nächtliches Naturbild, und dann macht Wolfgang Rihm das Licht an, und man sieht den Borkenkäferwald?
»Sinfoniekonzerte sollen aufrütteln dürfen!«
SIMON GAUDENZ
Simon Gaudenz: Die Musik klingt tatsächlich so. Ich mache mir viele Gedanken darüber, wie derartige Aussagen auf gute Weise in einem Konzertprogramm untergebracht werden können. Auch Sinfoniekonzerte sollen aufrütteln dürfen, finde ich! Gerade die Themen Natur, Umweltverschmutzung und Klimawandel würde ich im Grunde noch viel häufiger bearbeiten wollen. Doch es ist gar nicht so einfach, das auf eine Art zu tun, die nicht sektiererisch oder besserwisserisch rüberkommt.
Die Menschheit kann Kriege und Wirtschaftskrisen irgendwie aushalten, den Klimawandel jedoch nicht. Aber natürlich reicht es nicht, kluge Gedanken darüber ins Programmheft zu schreiben, sie müssen unmittelbar erlebbar werden. Musik macht es möglich, nicht nur den Verstand der Menschen anzusprechen, sondern ihre Gefühle zu bewegen. Auf die Emotionen einzuwirken, birgt meiner Ansicht nach auf lange Sicht mehr Chancen auf Veränderung unserer Verhaltensweisen. Wenn wir etwas nicht nur intellektuell verstehen, sondern Gefühle damit verbinden, bekommt es eine andere Dringlichkeit.
Schön finde ich, dass am Ende von Rihms Stück eine ungeheuer zarte Sehnsucht steht, wie ein leiser Ruf danach, dass alles gut ausgehen möge. Deswegen heißt es im Titel des Werks wohl auch „Still Alive“, also: „hoffentlich bleiben wir am Leben“!
Michael Dissmeier: Auch das erste Werk des Auftaktkonzerts, die Sinfonische Dichtung „Der Wassermann“, ist alles andere als friedlich und versöhnlich. Das Klischee von Dvořák als naivem Naturburschen ist weit verbreitet. Dazu passen die abgründige Erzählung und die bedrohliche Atmosphäre dieses Stückes aber gar nicht.
Simon Gaudenz: Natur ist ja nicht automatisch friedlich und versöhnlich. Sie kann genauso unheimlich, wild und gefährlich sein. Dvořák erzählt Natur hier als Bedrohung. Die Leiche eines ertrunkenen kleinen Mädchens wird nachts vom stürmischen See wieder an Land gespuckt. Die hochromantische Fabel berichtet uns den Grund: Die Mutter hat sich mit einem Wassermann eingelassen. – Es geht um tiefe Urängste. Mich beeindrucken Dvořáks Fähigkeiten, solche krassen Bilder und Situationen ungeheuer plastisch mit zur damaligen Zeit sensationellen musikalischen Mitteln zu erzählen. Wie klingt die Angst der Mutter? Wie klingt es unter Wasser? Was Dvořák dazu einfällt, finde ich atemberaubend!
Mir selbst als Schweizer können in den Bergen auch die steilsten Wände, die mehrere hundert Meter senkrecht hinuntergehen, keine Angst einjagen. Aber als ich einmal im Meer schnorcheln war und am Rand eines Riffs in den plötzlich unter mir klaffenden schwarzen Abgrund schaute, überkam mich ein richtiges Entsetzen, das Gefühl einer wirklich ursprünglichen, tiefsitzenden Todesangst.
Beim Thema „Natur“, das auf unserem Planeten Dvořák natürlich enorm wichtig ist, geht es eben nicht nur um sonnendurchflutete Waldlichtungen und liebliche Vogelrufe, sondern auch um die Auseinandersetzung mit Ängsten und mit dem Tod. Beim heutigen Verhalten des Menschen in den Bergen und in der Natur erlebt man ja im Grunde oft eine Entfernung von der Natürlichkeit, indem Angst, also etwas zutiefst Natürliches, oft ausgeblendet wird. Handy-Navigation und Bergrettung sollen es dann richten.
Ende des 19. Jahrhunderts konnte Dvořák mit musikalischen Erzählungen wie dem „Wasservmann“ noch wahrhaft in den Bann schlagen und verzaubern, – viel schwerer ist das in der heutigen Zeit, in der man die Analyse immer gleich mitgeliefert bekommt. Wenn man beispielsweise die KI über ein Musikstück befragt, heißt es am Ende immer gleich: „Willst du noch …“ etwas über die Struktur erfahren? Darüber, wie es geschrieben wurde und warum?“ Das ist für mich ein greifbares Zeichen fortschreitender Entzauberung.
Michael Dissmeier: Vom Planeten Dvořák aus sieht man also auch die dunkle Seite des Mondes, wobei das Auftaktprogramm glücklicherweise viel Sonne enthält.
Simon Gaudenz: Mir geht es ja um den ganzen Kosmos. Seltsam, dass das „Scherzo capriccioso“ in Deutschland so wenig gespielt wird. Es ist ein wahres Bravourstück und steht in der Tat völlig für die vertraute Seite von Dvořák: überschwängliche Naturschilderung und ausgelassene, volkstümliche Tänze.
Mit Mozarts Klarinettenkonzert schlagen wir einen Bogen zu den Ursprüngen, wie Natur in der Musik abgebildet werden kann. Der zweite Satz ist so idyllisch und in sich ruhend, der dritte wie ein rauschhaftes, sommerliches Fest, – Mozart gelingt bereits etwas im Grunde sehr dvořáktypisches: eine intensive Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Natürlich wollte ich unbedingt auch unseren wunderbaren Artist in Residence Daniel Ottensamer, den Solo-Klarinettisten der Wiener Philharmoniker, beim Saisonauftakt dabeihaben.
Dvořáks Welt
Michael Dissmeier: Dient die Natur also als das Gravitationszentrum für den Planeten Dvořák? Ist sie die Sonne, um die er kreist?
Simon Gaudenz: Man ist sehr schnell dabei zu sagen: „Dvořák und die Natur, das ist eins!“ Er gilt als einer der Naturkomponisten schlechthin. Aber ich würde sein eigentliches Gravitationszentrum eher in der realen Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts suchen. Nehmen wir eines seiner Hauptwerke, die Achte Sinfonie, die wir im Januar im Donnerstags- und im Freitagskonzert in Jena spielen und mit der wir auch auf Tournee gehen werden. Dvořák ließ das Stück in England publizieren, weil er sich mit seinem deutschen Verleger gestritten hatte. Er dirigierte das Werk während seiner England-Reise mehrmals in London und Cambridge und während seiner Zeit in den USA auch in Chicago. Wenn ich mir vorstelle, was Dvořák im Geburtsland der Industrialisierung gesehen haben muss, den ungeheuren Schmutz, die rußige Luft, die Kinderarbeit, die Unterbringung der Familien in beengten, fürchterlich unhygienischen Mietskasernen, die geringe Lebenserwartung, dann könnte ich mit einigem Recht seine Fokussierung auf die Natur auch als Gegenbewegung, als Suche nach einer Alternative zur bedrückenden Lebensrealität begreifen. Wenn wir uns beim Hören der Achten Sinfonie einmal rauchende Schlote statt Waldweben vorstellen würden, entstünde ein bemerkenswertes Spannungsfeld.
Dvořák selbst war übrigens absolut technikaffin, heute würde man sagen: ein Eisenbahn-Nerd. Er liebte Dampflokomotiven und war immer über die neusten Modelle unterrichtet. In der Mitte seines Lebens richtete er sich auf dem Land eine Sommer-Residenz ein, dort schrieb er auch die Achte Sinfonie, inmitten der böhmischen Natur.
Warum machen so viele Komponisten Ende des 19. Jahrhunderts die Natur zum Gegenstand ihrer Werke? Eine Erklärung liegt für mich auf jeden Fall darin, dass sie auf die Veränderungen ihrer Umwelt reagieren. Je mehr die industrielle Revolution das Leben prägt, desto stärker wird die Sehnsucht nach einem idyllischen Gegenentwurf. Vorher galt die Natur als Feind des Menschen. Niemand ging freiwillig in den Wald, dort wohnten die Wölfe. Auch das Bergsteigen kam erst spät, Ende des 18. Jahrhunderts, allmählich in Mode.
Michael Dissmeier: Johann Sebastian Bach wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, in ein Komponierhäuschen auf dem Land zu ziehen. Zu seiner Zeit war der Wald noch voller Monster.
Simon Gaudenz: Dvořáks liebevolle Schilderung der Natur ist zur damaligen Zeit im Grunde etwas Neues, fast Avantgardistisches. Musikalische Werke aus dem Kontext der Zeit ihrer Entstehung heraus zu begreifen, vermag oft neue Blickwinkel zu öffnen und hilft, nicht bei einer oberflächlichen Betrachtung der vielen schönen Momente stehen zu bleiben.
Eine Werkgruppe Dvořáks, die geradezu exemplarisch für diese inhaltliche Tiefe steht, sind die drei Konzertouvertüren „Natur“ (op. 91), „Karneval“ (op. 92) und „Othello“ (op. 93). In diesen drei Stücken ist im Grunde alles enthalten, was Dvořák ausmacht. Für mich hat die „Natur“-Ouvertüre etwas beinahe Pantheistisches. „Karneval“ ist trotz der vibrierenden, mitreißenden Tänze überhaupt nicht oberflächlich und erzählt auf eine wahrhaft bezaubernde Weise vom Menschsein. Ausgesucht haben wir die „Othello“-Ouvertüre und spielen sie im Dezember zusammen mit den „Vier letzten Liedern“ von Richard Strauss und der Vierten Sinfonie von Johannes Brahms, in einem Programm, mit dem wir zudem die Schweiz bereisen werden.
Michael Dissmeier: Die Kompositionsweise der „Othello“-Ouvertüre erinnert mich stark an Filmmusik. Und das lange, bevor es überhaupt Filme gibt.
Simon Gaudenz: Man hört, wie progressiv Dvořák sein kann. Die Musik weist bereits zu Mahler und Puccini. Und es gibt auf dem Planeten Dvořák eben nicht nur das Erhabene, sondern auch das Niedere, das Direkte und Lüsterne. Er kann auch dahin gehen, wo es ein bisschen schmutziger ist.
Böhmischer Klang
Michael Dissmeier: Wie kann man den spezifisch böhmischen Klang von Dvořáks Musik beschreiben?
Simon Gaudenz: Dieser Klang hat für mich weniger mit Instrumentation zu tun, sondern mehr mit einer sehr speziellen Emotion. Selbst wenn die schönsten und unbeschwertesten Stellen erklingen, liegt irgendwo in einer tieferen Schicht etwas Wehmütiges. Dort ist es nicht melancholisch schwarz, die Stimmung hat durchaus mit Behaglichkeit zu tun. Man sitzt am Abend draußen, die Sonne brennt nicht mehr, sondern wärmt nur noch ein bisschen. Bald wird es kalt. Ein klein wenig schwermütig geht es zu, vielleicht auch minimal melancholisch. Der böhmische Klang braucht eine spezielle Art von wehmütiger Milde, wie ein herbstlicher Seufzer.
Gleichzeitig hat Dvořáks Musik eine große Direktheit und Ursprünglichkeit. Sie muss pur und ehrlich klingen. „Ehrlich“ ist vielleicht überhaupt das wichtigste Wort im Zusammenhang mit Dvořák. Obwohl er sicher ein äußerst kluger Mensch war, sehe ich ihn nicht als Akademiker oder Intellektuellen. Ein Komponist wie Bartók sucht ebenfalls das Ursprüngliche, kann aber sein ungeheures Wissen nicht verbergen. Dvořák findet andere Wege. Die menschlichen Gefühlswelten, die er in seiner Musik darstellt, haben immer etwas Einfaches, Instinktives, – und dieses Einfache kann ja durchaus klüger sein als das Intellektuelle und Analytische! Akademikern wie uns, die sich ständig analytisch mit Musik auseinandersetzen, ist so etwas ja beinahe suspekt. Aber ich finde wichtig, in der Musik das Wort „naiv“ nicht automatisch mit schlichtem Gemüt oder irgendwelchen Vorabendserien in Verbindung zu bringen. Naivität, Einfachheit, Schlichtheit und Ehrlichkeit zielen bei Dvořák darauf, überhaupt wahrnehmen zu können, was in der Natur und in Menschen vor sich geht. Er hört in die Menschen hinein, auf einfache Weise, ohne Vorbehalte, ohne psychologisierende Absicht. Er zeigt eine natürliche Sensibilität und Offenheit, die vor allem nicht sofort in Analyse übergeht.
Ein weiteres wichtiges Wort im Zusammenhang mit Dvořák ist „Geborgenheit“. Nachdem wir uns eine Spielzeit lang mit Dmitri Schostakowitsch beschäftigt haben, nach all dem Schwarz-Weißen und Doppelbödigen, nach dieser Alles-oder-nichts-Großstadt-Musik, wollte ich gern das Gegenteil. Eine Musik, die das Orchester und das Publikum mit einer Art von Liebe umschließt, bei der man sich wohlfühlen kann. Dvořáks Musik ist gesund und unmittelbar menschlich. Selbst, wenn es einmal um Abgründe geht, enden die Werke nicht hoffnungslos.
»›Ehrlich‹ ist vielleicht das wichtigste Wort im Zusammenhang mit Dvořák.«
SIMON GAUDENZ
Michael Dissmeier: Was macht die spezielle Farbigkeit seiner Musik aus?
Simon Gaudenz: Bei Dvořák kann man viel exzessiver und extremer mit Farben umgehen als zum Beispiel bei Brahms. Brahms verlangt stets nach dem strukturellen Kontext, Dvořák erlaubt da einen flexibleren, spontaneren Umgang. Man kann zum Beispiel aus dem Moment heraus entscheiden, eine Stelle auf dem Steg zu spielen, wenn man Schnee assoziieren möchte. Auch in formaler Hinsicht gestattet Dvořák sich viele Freiheiten. Natürlich existiert beispielsweise im Cellokonzert eine klare musikalische Form. Aber Dvořák verfährt mit seinem Material überschwänglich, geradezu verschwenderisch. Wenn ihm nach der Einführung der Themen eine weitere schöne Melodie in den Sinn kommt, dann schreibt er sie hin. Und noch eine weitere. Von Brahms stammt ein schönes Zitat, das die Sache auf den Punkt bringt: „Der Kerl hat mehr Ideen als wir alle. Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben.“
Generell sollten die Farben bei den Bläsern etwas volksmusikartig Raues haben. Man muss darauf achten, dass man diesen Klang nicht zu sehr nivelliert. Einen Bläsersatz mit reinen, stehenden Intervallen wie bei einer Orgel hört man eher selten. Und gerade das benötigt Dvořáks Musik.
Was am Spiel tschechischer Orchester auffällt, ist, dass der Streicherklang etwas stark Singendes hat, und zwar eben nicht das mehltauartige „tenuto“, mit dem heute oft alles zugedeckt wird. Streichinstrumente vermögen es, in vielen verschiedenen Farben zu „singen“, ihr Klang kann dabei durchaus schwebend und leicht bleiben. Heute ist mit Singen immer viel zu schnell gemeint: „an der Saite“, schwer. Für mich sollte ein böhmischer Klang auf jeden Fall schlank sein, eher hell und sehr direkt gespielt.
»Der Kerl hat mehr Ideen als wir alle. Aus seinen Abfällen könnte sich jeder andere die Hauptthemen zusammenklauben.«
JOHANNES BRAHMS ÜBER ANTONÍN DVOŘÁK
Tod und Trost
Michael Dissmeier: Mir fällt auf, wie viele Programme dieser Saison um das Thema „Tod“ kreisen. Als zentrales chorsinfonisches Werk erklingt das Dvořák-Requiem.
Simon Gaudenz: Eine ungewöhnliche, sehr individuelle Vertonung des Requiem-Textes! Dvořák ist weniger auf große Effekte aus als vielmehr auf eine innerliche, seelenvolle Bitte um Frieden. Dieses Konzert ist eine wunderbare Aufgabe für den Philharmonischen Chor und unsere Chordirektorin Berit Walther! [...]
Michael Dissmeier: Gehört der Tod untrennbar zur Natur?
Simon Gaudenz: Natur ist vor allem nichts Oberflächliches. Sie ist nicht einfach „schön“. Und trotzdem kann man sich in ihrem Kreislauf von Geburt bis Tod, von Frühling bis Winter zutiefst geborgen fühlen. Das Pantheistische an diesem Gedanken bewegt mich sehr. Auf unserem Planeten Dvořák ist das ein bestimmendes Motiv, das sich an vielen Stellen wiederfindet. [...]
Die Monde des Planeten Dvořák
Michael Dissmeier: Zum Planeten Dvořák gehören die Monde, die ihn umkreisen. Ein Werk drängt sich geradezu auf: „Mein Vaterland“ von Bedřich Smetana.
Simon Gaudenz: Dieser Zyklus darf in der Tat nicht fehlen. Smetanas Sinfonische Dichtungen über die böhmische Natur und Geschichte versehen wir in unserem Konzert zudem mit einem spannenden Kontrapunkt: zu Beginn erklingt das Werk „No Night No Land No Sky“ eines der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten, des Tschechen Miroslav Srnka, der in diesem Stück die endlose Weite einer antarktischen Landschaft schildert. Diese krasse Konfrontation der böhmischen Mittelgebirgslandschaft mit dem Whiteout-Syndrom im ewigen Eis ist übrigens die Idee unseres Künstlerischen Beraters und Konzertplaners Gernot Wojnarowicz. Sein enzyklopädisches Wissen und sein Ideenreichtum sind für meine Arbeit unersetzlich, gerade für die gemeinsame Entwicklung spannender Konzertprogramme!
Michael Dissmeier: Von Tschaikowski erklingen das Violinkonzert sowie die Sinfonie Nr. 6 „Pathétique“. Dvořák und Tschaikowski schlossen im Jahr 1888 Freundschaft und unterstützten sich fortan gegenseitig. Die beiden nahezu gleich alten Komponisten standen vor ähnlichen Herausforderungen: beide arbeiteten an der Akzeptanz der Verschmelzung von klassischer Kompositionsweise und slawischer Thematik.
Simon Gaudenz: Für Tschaikowski gilt Ähnliches wie das, was ich eben über die Farben bei Dvořák gesagt habe. Mit der Russischen Nationalphilharmonie war ich jahrelang verbunden, leider ist es aufgrund der politischen Situation heute nicht mehr möglich, gemeinsam zu musizieren. So wie dieses russische Orchester Tschaikowski spielt, so rau und direkt, so völlig unsentimental – das habe ich immer als sehr vorbildhaft empfunden.
Michael Dissmeier: Auch Leoš Janáček, Erwin Schulhoff und Viktor Ullmann gehören zum Dvořák-Universum. Schulhoff hat Dvořák sogar im Alter von sieben Jahren vorgespielt und erhielt eine persönliche Empfehlung für Klavierunterricht.
Simon Gaudenz: Die tschechische Musik in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat ungeheuer viel Interessantes zu bieten. Jede Auswahl bleibt notgedrungen lückenhaft. Aber ein Stück durften wir auf gar keinen Fall auslassen – nicht zuletzt wegen der biographischen Verbindung zu Dvořák – das ist Suks Zweite Sinfonie „Asrael“.
Michael Dissmeier: Josef Suk war Dvořáks Schwiegersohn. Nach dessen Tod im Jahr 1905 begann er, die Sinfonie als Andenken für den geschätzten und geliebten Schwiegervater zu schreiben.
Simon Gaudenz: Furchtbarerweise starb im gleichen Jahr auch Otilie, Dvořáks Tochter. Den vierten und fünften Satz widmete Josef Suk seiner verstorbenen Frau. Die Komposition ist eine der berührendsten musikalischen Auseinandersetzungen mit Tod und Verlust, benannt nach dem Todesengel Asrael.
Michael Dissmeier: Suk schreibt über den Kompositionsprozess: „Der furchterregende Engel des Todes schlug mit seiner Sense ein zweites Mal zu. Solch ein Unglück zerstört entweder einen Menschen oder trägt alle schlafenden Kräfte in ihm an die Oberfläche. Die Musik hat mich gerettet, und nach einem Jahr begann ich den zweiten Teil der Symphonie mit einem Adagio, einem zarten Porträt von Otilka.“
Simon Gaudenz: Es hat lange gedauert, bis dieses Meisterwerk außerhalb von Tschechien das Interesse bekommt, das es verdient. Tod und Trost, Gefahr und Geborgensein werden von Suk auf berührende Weise verbunden. Die Tonsprache ist auf dem gleichen Niveau wie bei Gustav Mahler.
Die Tonsprache von Josef Suk ist auf dem gleichen Niveau wie bei Gustav Mahler.
SIMON GAUDENZ
· Stadtteilzentrum LISA
Streichquartette von Joseph Haydn und Antonín Dvořák
Weronika Tadzik, Violine / Christoph Hilpert, Violine / Karina Suslov-Götz, Viola / Alexander Wegelin, Violoncello
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Julius Fučík, Johann Strauss (Sohn), Luigi Arditi, Bedřich Smetana und Antonín Dvořák
Eva Hartová, Sopran / Jenaer Philharmonie / Johannes Klumpp, Leitung und Moderation
· Hotel & Restaurant Schwarzer Bär
Streichquartette von Joseph Haydn und Antonín Dvořák
Weronika Tadzik, Violine / Christoph Hilpert, Violine / Karina Suslov-Götz, Viola / Alexander Wegelin, Violoncello
· Gemeinschaftsschule Galileo/Aula
Streichquartette von Joseph Haydn und Antonín Dvořák
Weronika Tadzik, Violine / Christoph Hilpert, Violine / Karina Suslov-Götz, Viola / Alexander Wegelin, Violoncello
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Georg Anton Benda und Peter Tschaikowski
Jenaer Philharmonie / Jakub Przybycień, Leitung
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Antonín Dvořák: Requiem op. 89
Maryna Zubko, Sopran / Sarah Mehnert, Alt / Václav Vallon, Tenor / Jovan Koščica, Bass / Philharmonischer Chor Jena / Jenaer Madrigalkreis / Jenaer Philharmonie / Berit Walther, Leitung
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Antonín Dvořák, Richard Strauss und Johannes Brahms
Christina Landshamer, Sopran / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Théâtre populaire romand – Centre neuchâtelois des arts vivants/Salle de musique
Werke von Antonín Dvořák, Richard Strauss und Johannes Brahms
Christina Landshamer, Sopran / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Stadtcasino/Musiksaal
Werke von Antonín Dvořák, Richard Strauss und Johannes Brahms
Christina Landshamer, Sopran / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Stadtcasino/Musiksaal
Werke von Antonín Dvořák, Richard Strauss und Johannes Brahms
Christina Landshamer, Sopran / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Antonín Dvořák
Elisabeth Brauß, Klavier / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Ludwig van Beethoven und Antonín Dvořák
Elisabeth Brauß, Klavier / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Rathausdiele
Streichquartette von Leoš Janáček und Antonín Dvořák
Katharina-Viktoria Georgiev, Violine / Johannes Tauber, Violine / Christian Götz, Viola / Carmen Dreßler, Violoncello
· Das Wormser Theater
Werke von Ernest Tomlinson, Aaron Copland und Antonín Dvořák
ARTIST IN RESIDENCE Daniel Ottensamer, Klarinette / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Graf Zeppelin Haus/Hugo-Eckener-Saal
Werke von Ernest Tomlinson, Aaron Copland und Antonín Dvořák
ARTIST IN RESIDENCE Daniel Ottensamer, Klarinette / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Kultur- und Kongresszentrum
Werke von Ernest Tomlinson, Aaron Copland und Antonín Dvořák
ARTIST IN RESIDENCE Daniel Ottensamer, Klarinette / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Theater in Kempten/Stadttheater
Werke von Ernest Tomlinson, Aaron Copland und Antonín Dvořák
ARTIST IN RESIDENCE Daniel Ottensamer, Klarinette / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Kultur- und Kongresszentrum, Theater La Poste
Werke von Ernest Tomlinson, Aaron Copland und Antonín Dvořák
ARTIST IN RESIDENCE Daniel Ottensamer, Klarinette / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Miroslav Srnka und Bedřich Smetana
Jenaer Philharmonie / Jamie Phillips, Leitung
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Wolfgang Amadeus Mozart und Josef Suk
János Mátyás Stark, Violine / Jenaer Philharmonie / Nodoka Okisawa, Leitung
· Rathausdiele
Werke von Gustav Mahler und Antonín Dvořák
Rosa Donata Milton, Violine / Johannes Tauber, Violine / Christian Götz, Viola / Alexander Wegelin, Violoncello / Igor Gryshin, Klavier
· Stadtteilzentrum LISA
Werke von Antonín Dvořák und Ludwig van Beethoven
Jeannina Gutiérrez de Sommer, Violine / Christoph Hilpert, Violine / Hasmik Karapetyan, Viola / Alexander Wegelin, Violoncello
· Rathausdiele
Lieder und Duette von Antonín Dvořák, Johannes Brahms und Wilhelm Stenhammar
Elena Iuliana Ioana, Sopran / Joel Andreasson, Bariton / Artemiy Sokolovsky, Klavier
· Hotel & Restaurant Schwarzer Bär
Werke von Ludwig van Beethoven und Leoš Janáček
Hazel Beh, Klavier / Cornelius Spaeth, Violine / Torben Jans, Violine / Christian Götz, Viola / Weimo Gao, Violoncello
· Rathausdiele
Klavierquartette von Bohuslav Martinů und Antonín Dvořák
Hazel Beh, Klavier / Cornelius Spaeth, Violine / Karina Suslov-Götz, Viola / Weimo Gao, Violoncello
· Gemeinschaftsschule Galileo/Aula
Werke von Antonín Dvořák und Ludwig van Beethoven
Jeannina Gutiérrez de Sommer, Violine / Christoph Hilpert, Violine / Hasmik Karapetyan, Viola / Alexander Wegelin, Violoncello
· Volkshaus/Ernst-Abbe-Saal
Werke von Leoš Janáček und Antonín Dvořák
Friedrich Thiele, Violoncello / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung
· Rathausdiele
Werke von Anton Reicha, Josef Bohuslav Foerster und Leoš Janáček
Elisabeth Richter, Flöte / Timothée Vendeville, Oboe und Englischhorn / Vincent Nitsche, Klarinette / Désirée Grundmann, Bassklarinette / Anna Magdalena Euen, Horn / Matthias Schottstädt, Fagott
· Schloss/Renaissancehof
Werke von Antonín Dvořák und Ludwig van Beethoven
Friedrich Thiele, Violoncello / Jenaer Philharmonie / Simon Gaudenz, Leitung