Michael Dissmeier: Auch das erste Werk des Auftaktkonzerts, die Sinfonische Dichtung „Der Wassermann“, ist alles andere als friedlich und versöhnlich. Das Klischee von Dvořák als naivem Naturburschen ist weit verbreitet. Dazu passen die abgründige Erzählung und die bedrohliche Atmosphäre dieses Stückes aber gar nicht.
Simon Gaudenz: Natur ist ja nicht automatisch friedlich und versöhnlich. Sie kann genauso unheimlich, wild und gefährlich sein. Dvořák erzählt Natur hier als Bedrohung. Die Leiche eines ertrunkenen kleinen Mädchens wird nachts vom stürmischen See wieder an Land gespuckt. Die hochromantische Fabel berichtet uns den Grund: Die Mutter hat sich mit einem Wassermann eingelassen. – Es geht um tiefe Urängste. Mich beeindrucken Dvořáks Fähigkeiten, solche krassen Bilder und Situationen ungeheuer plastisch mit zur damaligen Zeit sensationellen musikalischen Mitteln zu erzählen. Wie klingt die Angst der Mutter? Wie klingt es unter Wasser? Was Dvořák dazu einfällt, finde ich atemberaubend!
Mir selbst als Schweizer können in den Bergen auch die steilsten Wände, die mehrere hundert Meter senkrecht hinuntergehen, keine Angst einjagen. Aber als ich einmal im Meer schnorcheln war und am Rand eines Riffs in den plötzlich unter mir klaffenden schwarzen Abgrund schaute, überkam mich ein richtiges Entsetzen, das Gefühl einer wirklich ursprünglichen, tiefsitzenden Todesangst.
Beim Thema „Natur“, das auf unserem Planeten Dvořák natürlich enorm wichtig ist, geht es eben nicht nur um sonnendurchflutete Waldlichtungen und liebliche Vogelrufe, sondern auch um die Auseinandersetzung mit Ängsten und mit dem Tod. Beim heutigen Verhalten des Menschen in den Bergen und in der Natur erlebt man ja im Grunde oft eine Entfernung von der Natürlichkeit, indem Angst, also etwas zutiefst Natürliches, oft ausgeblendet wird. Handy-Navigation und Bergrettung sollen es dann richten.
Ende des 19. Jahrhunderts konnte Dvořák mit musikalischen Erzählungen wie dem „Wasservmann“ noch wahrhaft in den Bann schlagen und verzaubern, – viel schwerer ist das in der heutigen Zeit, in der man die Analyse immer gleich mitgeliefert bekommt. Wenn man beispielsweise die KI über ein Musikstück befragt, heißt es am Ende immer gleich: „Willst du noch …“ etwas über die Struktur erfahren? Darüber, wie es geschrieben wurde und warum?“ Das ist für mich ein greifbares Zeichen fortschreitender Entzauberung.
Michael Dissmeier: Vom Planeten Dvořák aus sieht man also auch die dunkle Seite des Mondes, wobei das Auftaktprogramm glücklicherweise viel Sonne enthält.
Simon Gaudenz: Mir geht es ja um den ganzen Kosmos. Seltsam, dass das „Scherzo capriccioso“ in Deutschland so wenig gespielt wird. Es ist ein wahres Bravourstück und steht in der Tat völlig für die vertraute Seite von Dvořák: überschwängliche Naturschilderung und ausgelassene, volkstümliche Tänze.
Mit Mozarts Klarinettenkonzert schlagen wir einen Bogen zu den Ursprüngen, wie Natur in der Musik abgebildet werden kann. Der zweite Satz ist so idyllisch und in sich ruhend, der dritte wie ein rauschhaftes, sommerliches Fest, – Mozart gelingt bereits etwas im Grunde sehr dvořáktypisches: eine intensive Verbundenheit des Menschen mit der Natur. Natürlich wollte ich unbedingt auch unseren wunderbaren Artist in Residence Daniel Ottensamer, den Solo-Klarinettisten der Wiener Philharmoniker, beim Saisonauftakt dabeihaben.